uxzentrisch erörtert:
Das Web auf dem Sofa

Schon lange wird die Konvergenz zwischen Web und TV prophezeit. Mit Google TV kommt ein neuer Anlass, sich darüber Gedanken zu machen, wie das Web im Fullscreen-Modus und über die Tastatur gesteuert funktoniert. Hier werfen wir einen Blick auf den Status Quo des Sofa-Webs.

Während die gesamte UX-Welt derzeit auf das iPad und andere tablettartige Geräte blickt, entwickelt sich nebenbei auch eine andere Gattung der Web-Frontends weiter. Diese soll es möglich machen, das Web auf dem Sofa nicht nur in den Händen zu halten, sondern auf Wunsch auch auf dem meterweit entfernten Fernseher zu nutzen.

Natürlich gibt es das schon. Spielkonsolen wie die Playstation 3 (PS3) oder die Nintendo Wii bringen von Haus aus einen Browser mit. Aber macht es Spaß, damit im Web zu surfen? Was die PS3 betrifft, habe ich hier eine Meinung: Nicht so richtig. Schon während der Eingabe einer URL oder eines Suchbegriffs fragt man sich, ob man nicht doch besser den Laptop zur Hand genommen hätte.

Eine andere Plattform, die zumindest theoretisch das TV-Gerät und den PC – und damit auch das Web – einander näher bringen soll, ist Windows Media Center von Microsoft. Wirft man einen Blick in die Informationen von Microsoft, dann bekommt man den Eindruck, als wäre der Hauptzeck von Media Center, Videoinhalte aus dem Internet unter einer gemeinsamen Oberfläche zugänglich zu machen. Darüber hinaus gibt es eine geringfügige Anzahl von eigens angepassten Interface für das Windows Media Center von speziellen Partnern wie z.B. Otto. Angesichts der sehr überschaubaren Angebotspalette kann man offensichtlich momentan nicht behaupten, dass Windows Media Center das Web wirklich auf den Fernseher holt.

Diese bislang eher fragwürdigen Ansätze ändern aber nichts daran, dass das gemeinschaftliche Surfen auf dem immer größeren und immer höher aufgelösten TV im Wohnzimmer zumindest einen theoretischen Reiz hat. Es ist ja gar nicht so selten, dass wir das, was wir »Social Media« schimpfen, nicht als vereinsamter Mensch im dunklen Zimmer nutzen wollen, sondern Fotos, Videos oder Nachrichten (z.B. von gemeinsamen Freunden oder von Familienangehörigen) zu mehreren betrachten wollen.

Youtube hat Anfang Juli mit Leanback (Erläuterung) ein Konzept vorgestellt, mit dem genau das für Youtube-Videos funktionieren soll. Das Anwendungsszenario sieht so aus: Mehrere Nutzer sitzen auf dem Sofa vor dem Fernseher bzw. Monitor, der an einen Computer angeschlossen ist. Als Eingabegerät verfügen sie über eine Tastatur, idealerweise kabellos. Ist Leanback aufgerufen und der Browser mit Druck auf die F11-Taste in den Vollbildmodus versetzt, gehört der Bildschirm ganz den Youtube-Inhalten. Die Nutzer können mit den Pfeiltasten durch Kanäle (darunter auch die persönlichen Abonnements und Empfehlungen) navigieren. Außerdem können sie nach Videos suchen und Videos bewerten.

Wer sich jemals mit Freunden vors Laptop gequetscht hat, um Youtube-Videos anzugucken, sollte Leanback ausprobieren.

Aus User-Interface-Sicht interessant daran ist, dass – im Gegensatz zum Desktop-PC oder zum Touch-Gerät – auf ein Zeigegerät wie eine Maus oder den Finger komplett verzichtet wird. So kennen wir es auch von elektronischen Programmführern beim Digitalfernsehen oder von On-Screen-Menüs bei Videorecordern etc. Und meines Erachtens zeigt die PS3 ganz gut die Grenzen dieses Konzepts auf. Sobald man nämlich Texte eingeben möchte, was bei der Suche aktuell noch fast unvermeidlich ist, wird es umständlich. Das Problem haben PC-Nutzer mit ihrer Tastatur natürlich nicht.

Wer die Video-Aufzeichnungen der diesjährigen Google I/O Konferenz (natürlich auf Youtube hinterlegt) gesehen oder Zusammenfassungen gelesen hat, wird mitbekommen haben, dass Google mit einem Konzept namens Google TV noch einiges mehr im Schilde führt. Google TV ist eine Hardware-Plattform mit standardisiertem Betriebssystem (Android). Diese soll z.B. als Set-Top-Box mit dem Fernseher verbunden oder direkt in Fernsehgeräte integriert werden. Und darauf läuft dann eben auch ein Browser (Chrome mit Flash-Plugin).

Im Rahmen der Google I/O-Keynote wurde auch ein Prototyp von Clicker vorgeführt. Im Gegensatz zu Youtube Leanback (welches in Flash umgesetzt wurde) handelt es sich bei Clicker um ein HTML-5-Interface. Auch dieses ist vornehmlich für die Bedienung per Tastatur und die Betrachtung am Fernseher optimiert. Auch bei Clicker geht es um das Entdecken und Ansehen von Videos, aber nicht nur solchen von Youtube, sondern auch aus anderen Quellen – einige leider nur innerhalb der USA nutzbar.

Ein schon seit zwei Jahren bekannter Vertreter der Web-Interfaces für Couch Potatoes, hier nun für das Einkaufen, ist der Amazon Window Shop. Auch hier kommen vornehmlich die Tasten einer Tastatur oder Fernbedienung zum Einsatz. Sobald man allerdings den Kaufen-Button zu einem Artikel betätigt, verlässt man die dunkle, Flash-basierte Wohnzimmerwelt und landet wieder im gewöhnlichen Kaufprozess.

Sollte sich Plattformen Google TV als Erfolg erweisen, dann stellt sich die Frage: Wie würden andere Web-Angebote im Vollbildmodus und mit Tastaturbedienung funktionieren? Insbesondere solche, die nicht nur der Wiedergabe von Videos dienen? Wie sähen Spiegel Online, Ebay, Facebook und Flickr im Sofa-Modus aus? Und brauchen Blogs wie uxzentrisch einen solchen Modus?

Für mehr Beispiele wäre nicht nur ich, sondern sicherlich auch alle anderen Leser dieses Artikels dankbar. Wenn ihr welche kennt, fügt sie bitte in den Kommentaren an. Vielen Dank!

13 Kommentare

Tobias Jordans uxzentrisch vor 5 Jahren

*Das Problem der Eingabegeräte…*

Ich habe die Vermutung, das sich die ›Internet am TV‹-Themen erst weiter entwickeln werden, wenn die Frage der Eingabegeräte beantwortet wurde. Kurz gedacht können das Wireless-Tastaturen (+ Maus?) sein, die mit jedem TV ausgeliefert werden. Spannender fände ich aber, wenn die Kommunikation zwischen Geräten als Lösung gesehen und entwickelt wird: In meinem TV kann ich eine Adresseingabe öffnen, auf meinem iPad/iPhone/… erscheint dann die Tastatur, die mir die Eingabe ermöglicht. Oder andersrum: Auf meinem iPad suche ich ein Video (eine Website) und »werfe« es dann rüber auf meinen großen TV.
Das wäre ein Schritt in Richtung der ›Information Appliance‹ wie Donald Norman sie in ›The Invisible Computer‹ beschreibt. Leider liefert er aber auch direkt den Grund mit, warum solche Geräte noch lange auf sich warten lassen werden: Es fehlt eine Standardisierung der Schnittstellen…

*Laptop als TV*

Ich stehe in einer ähnlichen Diskussion gerade mit meinen Eltern: Alle Freunde haben neue Flachbildschirme mit entsprechendem Zubehör. Der Röhren-TV wird älter…, sie wollen etwas Neues. Ich versuche sie jetzt zu überzeugen, statt 3 Meter von der Couch entfernt einen großen Flachbildschirm mit rießen Pixeln zu hängen, nur 1 Meter entfernt auf den Couchtisch einen iMac mit kleinen Pixeln zu platzieren. Mein Argument: Displays können die TV-Herstellen. Eine gute UX bei der Programmauswahl und vor allem Video-Recorder-Bedienung habe ich bisher aber nirgends gesehen. Warum also x Geräte (Wohnzimmer-Laptop + TV + Recorder + x), wenn der iMac gute TV-Zeitschriften-Software hat, die einfach zu bedienen ist und Recorder-Funktionen integriert hat?

Irritierender Weise scheint diesen Weg bisher kaum jemand zu gehen. Wie kommt das?

Tamim vor 5 Jahren

Hui, das was Apple heute angekündigt hat sollte doch für deine Eltern Passend sein oder Tobias?

http://www.apple.com/appletv/

Peter Scheidt vor 5 Jahren

Ein ganz interessanter Artikel steht bei Wired zum Thema Fernbedienung:

http://www.wired.com/gadgetlab/2010/09/remote-without-a-screen/all/1

Ichgebe zu, das berührt nur einen Aspekt der aktuellen Diskussion, aber dennoch sehr interessant. Denn wenn man das weiterdenkt mit einem iPad/iPhone, dann ist das Surfen auf dem TV mittels Eingabe auf einem iThing nicht mehr weit weg – wer weiß, was iOS 4.2 bringen wird …

Marian Steinbach Autor vor 5 Jahren

Zum Thema Apple TV: Für mich sieht es nach wie vor nicht so aus, als machte Apple den Versuch, so etwas wie einen Browser mit Fernbedienung anzubieten. Es werden eben nur bestimmte Dienste, wie z.B. Youtube und Netflix, in die Plattform eingebunden. Das UI dafür liefert Apple. Google hingegen stellt uns vor die Frage, ob eine Website/-applikation auf dem Fernsehbildschirm mit Chrome anders funktionieren muss, und wenn ja wie.

Tamim Swaid vor 5 Jahren

Inzwischen gibt es mit einem Sony Gerät auch bereits einen mit Google TV ausgestattetes Gerät:

http://www.youtube.com/watch?v=EDK4Em8MBC8

Marian Steinbach Autor vor 5 Jahren

Gerade gesehen: Der Shuh-Shop http://www.mirapodo.de/ hat bei den Kategorien- und Suchergebnisseiten eine Fullscreen-Ansicht. Man könnte das als einen kleinen Schritt in Richtung Sofa-Shopping verstehen. Allerdings beschränkt sich die Interaktion auf das Vor-/Zurückblättern einzelner Produkte. Schon das Anzeigen der Produktdetailseite erfordert dann wieder den Wechseln in den »Lean-Forward-Modus«.

Marian Steinbach Autor vor 5 Jahren

Frisch von der IFA: Die schwedische Firma People of LAVA hat einen TV namens »Scandinavia« mit Android im Angebot. Damit sind Widgets, Web-Nutzung und Apps auf dem TV möglich. Als Controller kommt eine Variante des Cideko Air Keyboard zum Einsatz, das offenbar auch als Zeigeinstrument funktioniert, ähnlich dem Wii Controller.

Video bei Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=6p9GIQUvCTg

Eine Demonstration des Cideko Air Keyboards gibt es hier: http://www.youtube.com/watch?v=VT1Qa1l63sw

Marian Steinbach Autor vor 5 Jahren

Inzwischen ist auch mehr über Google TV zu erfahren.
http://www.google.com/tv/

Beachte: Google sieht das Android-Handy als Fernbedienung.

Hier dagegen Sonys Idee einer Google-TV-Fernbedienung.
http://www.engadget.com/2010/10/05/sonys-google-tv-controller-outed-on-abcs-nightline-video/

Tobias Jordans uxzentrisch vor 5 Jahren

Neue von Google TV:

@lars_inselmann: (Full of OMG and LOL) Life With Google TV: My First Day Review & Impressions (via @daringfireball)
http://j.mp/azgVmP (via @c_oestreich)

Update 2010-10-23: Meine Kurzzusammenfassung des Artikels: Google TV ist noch in einem sehr frühen Stadium und noch weit davon entfernt, eine problemlose Integration anzubieten. Apple-Simplicity gibt es da nicht. Statt dessen MS-Tekkiness. Das Fehlen einer richtigen Programmzeitschrift scheint wirklich nicht gelöst zu sein und macht IMO ein TV-Erlebnis wie ich es zur Zeit gewohnt bin, unmöglich. — Dann lieber weiterhin am Laptop/Monitor Filme gucken.

Marian Steinbach Autor vor 5 Jahren

Ich hab mir Sonys Internet TV alias Google TV mal selbst angesehen. Ob ein fehlender Programmfuehrer (nicht Suche) tatsaechlich ein Problem ist, weiss ich noch nicht. Momentan habe ich einen, und der hilft nur sehr bedingt. Was man damit vor allem macht: Gucken, was grade laeuft oder gleich anfaengt. Da ist es fast einfacher, die Programme direkt durchzuschalten.

Und ich muss sagen, es stimmt, dass es sich noch etwas jung anfuehlt. Trotzdem ist es IMHO richtig, dass sie schon auf den Markt gekommen sind, denn Google TV wird ein Oekosystem werden. Sie muessen fruehzeitig anfangen, die Leute von dem Konzept zu ueberzeugen.

Weitere Notizen hier: http://goo.gl/Mm3pU

Marian Steinbach Autor vor 5 Jahren

Vimeo hat gerade sein Gegenstück zu Youtube Leanback gestartet. http://www.vimeo.com/couchmode

Marcus Seidel vor 5 Jahren

Google TV erinnert mich an meine Experimente mit MythTV und anderen Lösungen, die auf Linux-Systemen schon vor Jahren kursierten. Die grundlegenden Probleme sind dieselben. Es wundert mich, dass Google TV nicht entscheidend über die damaligen Lösungsansätze hinaus gekommen ist (oder sogar hinter diese zurückfällt, was die Bedienbarkeit angeht).

Tamim Swaid uxzentrisch vor 3 Jahren

Kickstarter hat derzeit auch einen Lean Back Modus.
Auf der Seite STRG+Pfeil oben (Mac CMD+Pfeil oben) drücken.