uxzentrisch erörtert:
Das Web-Duell der Bundeskanzlerkandidaten-Websites

Auch uxzentrisch kann sich dem Medien-Duell der Bundeskanzlerkandidaten nicht entziehen und nach dem großen TV-Duell Merkel vs. Steinmeier folgt hier nun das Web-Duell. Welche Website kann überzeugen, was wird geboten, sind Nutzerführung und Inhalte Zielgruppengerecht – kurz, wie sieht die VX (Voter Experience) aus?

Hier geht es also nicht um Inhalte oder Politik und wer die bessere macht, sondern um den natürlichen Anspruch der Websites, die Bundeskanlzlerkandidaten zu repräsentieren und die Frage wie gut sie die Zielgruppe »Deutsche Wahlberechtigte«  addressieren. Immerhin 62,2 Millionen Menschen oder zumindest der Anteil, der im Internet surft.

Domains (1 Punkt)

Beide Kanzlerkandidaten haben eine eigene Website unter ihrem Namen: www.angelamerkel.de und www.frankwaltersteinmeier.de. Bedauerlich, dass man die beiden schon recht genau kennen muss – zumindest ihre Namen, denn Tippfehler-Domains waren wohl beiden zu teuer. Bindestriche darf man immerhin einstreuen oder das www. weglassen.

Frank-Walter: 0 – Angela 0

SEO (1 Punkt)

Zumindest die Startseiten der beiden sind hoch gelistet, nur Wikipedia ist wieder einmal besser. Die Suchmaschinen verzeihen auch falsche Schreibweisen, und schlagen entweder die Richtige vor, oder finden die Webseiten trotzdem. Die SEO-Hausaufgaben wurden also gemacht.

Frank-Walter 1 – Angela 1

Social Web / Social Media (1 Punkt)

Beide sind bei den Klassikern vertreten und verlinken diese auch: Facebook und Studi VZ (FW) respektive Mein VZ (Angela). Die Youtube-Accounts von CDU und SPD sind auch verlinkt – Angela versteckt Youtube aber hinter dem Begriff CDU.tv. Flickr-Bilder gibt es nur vom SPD-Wahlkampf-Team. Frank-Walter verlinkt Youtube nicht nur, sondern nutzt es fleissig, um Videos einzubetten. Angela nutzt lieber einen eigenen Streaming-Server und verlinkt das Videoportal nur. Knapper Punktsieg für FW.

Frank-Walter 1 – Angela 0

Barrierefreiheit (1 Punkt)

Beide Seiten sind generell ohne Javascript navigierbar und alle Inhalte, abgesehen von Videos und Flash-Containern werden angezeigt – was bei Frank-Walter, leider dann doch ein ganzer Bereich der Website ist. Alternativen Content zu Videos und Flash-Inhalten sparen sich beide, was bei Frank-Walter schwerer wiegt.

Die HTML-Struktur ist grundsätzlich gut, wenn auch der Umgang mit Headline-Tags eher unter Designaspekten, denn Strukturaspekten geschehen ist. Beide versehen Bilder und Grafiken mit Alt-Attribut, fassen sich dabei aber recht kurz. Bei Umgang mit Links scheiden sich die beiden. FW erklärt, wohin der Link führt, Angela spart sich das. Beide bieten keine Funktionen zum Anpassen der Ansicht an, dabei ist bei beiden der Lese-Kontrast und Textgröße nicht optimal. Texte vorlesen lassen kann man sich ebenso nicht. Beide bieten insgesamt nichts besonderes, aber bei Angela bekommt man immerhin bis auf Videos und ein Flash-Gadget alle Inhalte barrierefrei zu sehen.

Frank-Walter 0  – Angela 1

Visueller Eindruck (2 Punkte)

Frank-Walter überrascht mit großem Portrait und trendiger, aufgeräumter Optik. Eine solche Webseite hätte man von so einem gestandenen Politiker sicher nicht erwartet. Gut, dass sein Konterfei abgebildet ist, sonst hätte man auf die Idee kommen können, man sei falsch. Aber immerhin werden hier auf den ersten Blick keine visuellen Politikklischees breitgetreten – es geht um die Person, nicht um die Partei – sogar das SPD-Logo fehlt.

Startseite Frank-Walter Steinmeier

Angela zeigt sich erwartungskonform. Solider Aufbau, CDU-Farben – nichts was den potentiellen Wähler verunsichern könnte. Konservativ, klassisch, Klischee. Holt man so das gesamte Wahlvolk ab? Zudem stellt sich trotz großem Namen im Key-Visual die Frage, ob man hier nicht versehentlich auf die CDU-Partei-Seite umgeleitet wurde. Eine Personenseite ist das auf den ersten Blick nicht unbedingt.

Startseite Angela Merkel

Frank-Walter 2 – Angela 1

Erste Orientierung (2 Punkte)

Bei Angela hat man sich schnell orientiert. Klar positionierte Hauptnavigation, aufgeräumter Content-Bereich ohne Schnörkel. Aber wohin zuerst? Die Entscheidung obliegt ganz dem Betrachter. Nichts ist wirklich hervorgehoben, alles scheint gleich wichtig zu sein. Am ehesten also doch auf Facebook gehen? Zumindest werden die externen Links visuell deutlich betont.

Bei Frank-Walter gibt es viel zu sehen, wenn man sich einmal vom Portrait losgerissen hat. Die Icons an den Boxen helfen bei der Orientierung und die Priorität der einzelnen Inhalte wirkt klar umrissen. Je wichtiger, je weiter oben. Kurz bevor man klickt, entdeckt man dann vielleicht auch noch die Haupt?-Navigation oben links. Warum die Navigation so versteckt sein muss, erschliesst sich nicht. Schade auch, dass es soviele externe Links gibt, die nicht wirklich gekennzeichnet sind. Man ist schnell orientiert, aber auch schneller woanders, als einem lieb ist und dann ist es mit der Orientierung auch schon wieder vorbei.

Frank-Walter 1 – Angela 1

Informationsarchitektur / Navigationskonzept (2 Punkte)

Angela bietet nichts besonderes, sondern solide Kost. Die Menge der Inhalte ist übersichtlich geordnet und man hat jederzeit das Gefühl zu wissen, wo man ist und was man vor sich hat. Langweilig, aber sauber.

Frank-Walter wird seine Featuritis zum Verhängnis. Falls man es geschafft hat, nicht versehentlich die Site zu verlassen, klickt man sich durch immer wieder unterschiedliche Navigationskonzepte in den einzelnen Bereichen. Schnell weiss man eigentlich nicht mehr wo man ist oder wie man weiterkommt – der hoffnungslose Aufruf der Startseite ist da die einzige Lösung. So kann man die Page Impressions auch hochtreiben – nutzerfreundlich ist aber etwas anderes.

Frank-Walter 0 – Angela 1

Inhalte (2 Punkte)

Während Angela auf ihrer Site trotz großem Key-Visual visuell nicht im Vordergrund steht, so sehr sind die Inhalte um Sie gruppiert. Man erfährt einiges über die Ansichten und Einsichten unserer Bundeskanzlerin und ihren Wahlbezirk. Schön sortiert in 5 verschiedenen Bereichen. Dabei zeigt sich die Site in sich geschlossen und man verläuft sich nicht. Dezent wird auch auf ihre zweite Seite, die sich um ihre Funktion als Bundekanzlerin kümmert, verwiesen. Insgesamt ein rundes Angebot, aber viele Details darf man nicht erwarten – es  sollte wohl noch etwas für die Biografie in Buchform übrig bleiben. Insgesamt bekommt man aber doch ein Gefühl für die Person Angela Merkel.

Bei Frank-Walter gibt es mehr Content, wenn er auch nicht unbedingt zur Person gehört. Nach den aktuellen Wahlkampfnachrichten, gibt es erstmal seinen Weblog und seine Unterstützer/-innen. Schade, dass diese Bereiche nicht in die Site integriert sind, sondern wegführen und man sich plötzlich mitten im SPD-Wahlkampf wiederfindet. Schade, dass diese Teaser so prominent platziert sind. Vielleicht ist Frank-Walter als Person dann doch nicht so interessant? Mit etwas Ausdauer findet man dann, aber dann doch Frank-Walters Weg – eingepackt in eine trendige Flash-Klick-Orgie mit schlechter Navigation – auch hier das Gefühl, dass niemand wollte, dass man sich wirklich informiert. Ohne viel Ausdauer und Gedult erfährt man also wenig über Frank-Walter.

Frank-Walter 1 – Angela 1

Interaktionsdesign (2 Punkte)

Auch hier bietet Angela nichts neues. Links verhalten sich wie Links, ob nun Text oder Bild. Keine Ansätze die Site und deren Look & Feel dynamischer zu gestalten. Sehr bodenständig und verständlich. Keine Mätzchen, die vielleicht irritieren oder unverstanden bleiben könnten. Ein wenig mehr hätte es schon sein dürfen, für jemanden der ein ganzes Land lenken, leiten und aktiv nach vorne bringen will. Ist Angela wirklich so innovations- und einfallslos?

Frank-Walter dreht den Spieß dann um, aber leider nicht recht durchdacht. Angefangen bei der Hauptnavigation. Ein- und Ausklappen mag ja noch aktzeptabel sein, aber warum erst nach einem Klick und warum klappt sie dann plötzlich von alleine ein, wenn man die Maus versehentlich wegbewegt?

Auch die hübsch aufgearbeitete Biografie unter »Mein Weg« ist letztlich nicht durdacht. Zappelig und reine Augenwischerei, die schnell nervt und nicht hilft. Schnick-Schnack, der nicht hilft. Moderner Web-Kitsch, ohne durchdachtes Konzept. Reflektiert das wirklich die Werte, die Frank-Walter vertritt?  Der Versuch modern und aktuell zu sein ist niedlich, wirkt so aber eher verzweifelt. Einen Trostpunkt für den Versuch bekommt er trotzdem.

Frank-Walter 1 – Angela 1

Schlußrechnung

An dieser Stelle wollen wir die Betrachtung schließen und zusammenzählen:

Frank-Walter  7 von 14 Punkten
Angela 7 von 14 Punkten

Fazit

Da wir uns nicht auf ein Fazit beschränken wollten, gibt es nun gleich zwei, der Rest der uxzentrisch-Redaktion hat leider gerade keine Zeit und holt das vielleicht in den Kommentaren nach, zu denen wir wie immer jeden herzlich einladen.

Von Lutz

Letztlich enttäuschen beide Sites. Angela kommt nicht aus dem Mittelmaß hinaus. Mittelmaß ist jedoch nicht die goldene Mitte. Immerhin wird so ziemlich jeder der schon mal im Internet gesurft hat, mit ihrer Site zurecht kommen – und das ist vielleicht garnicht so unwichtig. Doch Medienkompetenz und Innovation kann Angela so nicht vermitteln. Insgesamt wirkt das ganze eher wie ein notwendiges Übel. Nach Obama muss man einfach im Web vertreten sein. Die Frage, wen man damit erreichen will, scheint sich niemand so recht gestellt zu haben.

Bei Frank-Walter war ich erst verwundert – das soll die Website des SPD-Kandidaten sein? Die Ausrichtung der Website ist dann aber schnell klar, es geht um Wahlkampf, und darum dass Frank-Walter besser ist. Nur Frank-Walter bleibt trotz Großbild irgendwie unnahbar. Die trendige Optik und das mutige Interaktionsdesign wird auch sicherlich nicht die breite Masse ansprechen, sogar eher abschrecken. Gut gemeint ist eben nicht gut gemacht. Noch deutlicher als bei Angela merkt man, dass Obama als Vorlage diente. Die angewandten Methoden sind frischer und aktueller als die der Kanzlerin, aber die Ausführung ist, wenn auch auf anderer Ebene, genauso wenig gelungen.

Die Chance die Seiten als zentralen Info-Hub für die Aktivitäten im Web zu nutzen wurde vertan, auch wenn zaghafte Versuche unternommen wurden. Eine Auswirkung auf die Wähler, durch die Websites ist wohl kaum zu erwarten – die Politik scheint noch immer einen langen Weg im Netz gehen zu müssen, um wirklich anzukommen.

Von Konstantin

Frank-Walters Website versucht, einen jungen und hippen Eindruck zu vermitteln. Leider kann ich diese Branding-Ausrichtung nicht in der Person FW Steinmeier wiedererkennen. Er ist weder hip, noch ist er web-affin. Sicherlich wollte man ein jüngeres Publikum ansprechen, aber es auf Kosten der Markenkonsistenz zu tun halte ich für nicht förderlich.

Angelas Website erfüllt die Erwartungen der Person und reiht sich also gut in den Markenauftritt Angela Merkel ein. Allerdings beflügelt die Site nicht, sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen. Abgesehen von den Fotos im Header ist die Aufmachung und Aufbereitung der Texte wenig anders als die zur neuen Rechtsverordnung eines Bundesamtes.

Insgesam wäre bei beiden Kandidaten noch wesentlich mehr herauszuholen. Ob es heute verkraftbar ist, ist fraglich. In vier Jahren wird man sich diese Inkonsistenzen und Mittelmaß nicht leisten können.

2 Kommentare

Marian Steinbach uxzentrisch vor 6 Jahren

Ich kann die Website des Wahlkämpfers Obama gar nicht mehr als Vergleich heranziehen, denn ich habe sie mir leider während des Wahlkampfes, der jetzt schon so unglaublich lang zurück zu liegen scheint, nicht genau genug angesehen. Doch natürlich würde ich mir einen Kandidaten wünschen, der auch nur im entferntesten die rhetorische/kommunikative Strahlkraft von Obama besitzt und diese auch ins Web zu übertragen versteht.

Aber Politik, Wahlen und Wahlkampf funktioniert hier in Deutschland ganz generell anders als in den USA. Verglichen mit den Amerikanern haben die Deutschen ein echtes Problem bei Kommunikation und Branding: Welche Marke soll denn im Vordergrund stehen? Die Partei? Oder der/die Kanzlerkandidat/in? Oder doch ein Thema/Programm? Und wie fördern wir auch noch die Wahlkreis-Kandidaten für die Erststimme?

Obamas Wahlkampf hatte genau einen Namen (Obama) und ein Motto (Change). Den Luxus einer solchen Reduktion leisten sich die deutschen Parteien nicht, die damit verbundenen Chancen und Risiken nehmen sie nicht wahr bzw. lehnen sie ab. Das merkt man eben auch im Web.

Lutz Schmitt Autor vor 6 Jahren

In meinen Augen unternimmt die SPD, wenn auch wenig gelungen, den Versuch einen Personen-Wahlkampf zu machen. Man sehe sich nur den unglücklichen Versuch einer eigenen Bildmarke für Steinmeier an. Die Maßnahmen bleiben aber halbgar und inkonsequent – in der ganzen Wahlkampfkommunikation, wie auch im Web.

P.S.: Die jetzige Site von Obama ist nicht sooo anders, als die Wahlkampfseite und kann als Vergleich durchaus herhalten: http://obama.com