uxzentrisch erörtert:
Die unsichtbare Rolltreppe

Auch abseits der digitalen Welt fallen einem ja manchmal faszinierende Details auf. Ein solches Erlebnis hatte ich neulich, als ich wieder einmal irgendwo in Köln auf eine leere Rolltreppe zusteuerte und dann selbstbewußt und ohne zu zögern die Fahrt aufwärts antrat. Dabei kam mir in den Sinn, dass ich in einer zeitlich unbestimmten Vergangenheit mit unbenutzten Rolltreppen nicht so selbstverständlich umging. Was war passiert?
Rolltreppe in Aktion - Foto von charmbutterfly75 (flickr.com)

Die Änderung im Rolltreppenverhalten ist subtil, aber wirkungsvoll. Während früher eine unbenutzte Rolltreppe in den meisten Fällen einfach irgendwann aufhörte ihre Hauptaufgabe, das Rollen, auszuführen und erst bei Betreten der Kontaktfläche wieder damit anfing, so rollen die meisten Treppen jetzt immer weiter. Sie reduzieren nur ihre Geschwindigkeit.

Anstatt also raten zu müssen, ob die Rolltreppe funktioniert und in welche Richtung sie sich bewegt, zeigt die Rolltreppe das einfach durch ihr Verhalten an. Keine Leuchten oder Pfeile notwendig, die niemand versteht. Eine schöne Hintergrundinformation, die mich sehr gefreut hat ist die Tatsache, dass die Rolltreppen nicht ab Werk mit einem eingestellten Zustand ausgeliefert werden, sondern durchaus alle Modus beherrschen. Das lässt zumindest bezüglich Rolltreppen auf weit verbreitetes Nachdenken über Nutzerverhalten schließen. Dass Rolltreppen ihre Geschwindigkeit bei Nichtnutzung überhaupt drosseln hat übrigens denselben Grund, aus dem sie früher ganz zum Stillstand kamen: Energie sparen. Dass sie mittlerweile meist trotzdem weiterlaufen ist eine gelungene Abwägung zwischen Wirtschafts- und Nutzerinteressen.

Unsichtbare Rolltreppe die zweite

Ein anderer interessanter Aspekt ist die Geschwindigkeit bei der Nutzung. Wir alle sind ihnen begnegnet, den Kriechern, den Rasern und allem dazwischen. Der wichtigste Grund für die Geschwindigkeit einer Rolltreppe ist der notwendige Durchsatz. Je langsamer, desto weniger Personen können pro Zeiteinheit befördert werden. Stark genutzte Rolltreppen werden also tendenziell schneller laufen. Weniger stark genutzte, aus Energiespargründen, langsamer.

Stark genutzte Rolltreppe - Foto von mobilix (flickr.com)

Das ist aber nicht die einzige Größe die berücksichtigt wird. Auch die Sicherheit bzw. das Sicherheitsgefühl bei der Nutzung spielt eine große Rolle. Dabei muss der Kontext der Rolltreppe unbedingt berücksichtigt werden. Neulich habe ich mich, weil ich es eilig hatte, ziemlich über die elend langsamen Rolltreppen am Köln-Bonner Flughafen geärgert. Doch eigentlich ist es klar, dass die Rolltreppen dort langsam laufen müssen. Schließlich sind die meisten Nutzer mit jeder Menge Gepäck unterwegs. Das meist ungewohnt voluminöse Gepäck fordert in der Handhabung schon einiges an Aufmerksamkeit, gerade beim Betreten und Verlassen von Rolltreppen, die auch noch mit Barrieren wider die Nutzung mit Gepäckwagen gesichert sind, kommt es leicht zu Schwierigkeiten. Wenn dann auch noch die Rolltreppe ein flottes Tempo vorlegen würde, wäre eine Häufung von Unfällen und Zusammenstößen sicher.

Am Rande vermerkt sei hier übrigens, dass die Gepäckwagensperren am Köln-Bonner Flughafen nur noch an der Einstiegsseite einer Rolltreppe montiert sind. Da ist wohl jemandem aufgefallen, dass Gepäckwagen nicht plötzlich auf Rolltreppen auftauchen.

Die Rolltreppe wird also durch die langsame Geschwindigkeit im Flughafenkontext überhaupt erst einfach und ohne nachzudenken nutzbar – was von einer Rolltreppe erwartet wird. Schließlich soll sie das Fortkommen erleichtern und nicht verkomplizieren.

Anders sieht das dann bei Rolltreppen etwa in U-Bahnen aus. Hier wird selten viel Gepäck geschleppt, zudem ist man meist in Eile, um noch die nächste Bahn zu bekommen. Und ein hoher Durchsatz wird ohnehin benötigt. Also laufen die Rolltreppen signifikant schneller.

Schlußwort

Das Beispiel der Rolltreppe zeigt sehr schön, wie wichtig es ist immer den Kontext und das umgebende System zu betrachten und zu berücksichtigen in welchem Zustand und mit welchen Bedürfnissen Menschen etwas benutzen – und es freut mich sehr, dass die Rolltreppen so gut darin geworden sind, dass es mir erst nach vielen Jahren aufgefallen ist, wie gut sie sind. (Gutes) Design ist eben unsichtbar und stellt sich uns nicht in den Weg.

Abschließend bedanken möchte ich mich bei Frau Köster von der Firma KONE (ein Hersteller von Rolltreppen oder Fahrtreppen, wie es offiziell heisst) für die geduldige und ausführliche Beantwortung meiner Fragen.

3 Kommentare

Konstantin vor 5 Jahren

Ein Detail daran: einige Otto-Normal-Leute bemerken das Verhalten der Rolltreppe und denken »Cool. Da hat einier mitgedacht.« Aber sie würden es nicht mit dem Begriff »User Experience« verbinden, selbst wenn sie ungefähr wüssten, was normalerweise UX benannt wird.

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