uxzentrisch erörtert:
Ein Feature muss genügen! sagt Oliver Reichenstein

Möglichst viele Features zu bieten, schien lange Zeit die wichtigste Messgröße für die Qualität eines Produkts zu sein. Features bedeuteten: messbarer Fortschritt, den man verkaufen kann. Nun ist nicht alles Messbare auch ein Qualitätsmerkmal. Mit Oliver Reichenstein (@iA), dem Gründer der Online-Designagentur Information Architects Japan, sprach ich – unter anderem – über die Bedeutung von Features. Das Gespräch führten wir vor ein paar Monaten über Skype. Weil die Themen, über die wir sprachen, so vielfältig sind, werden wir es in mehreren einzelnen Beiträgen veröffentlichen.

Ich habe Oliver gefragt: Welchen Zusammenhang gibt es zwischen User Experience und Features? Wie bringst Du Deinen Standpunkt dem Kunden bei?

Olivers Antwort:

»Man muss möglichst darauf schauen, dass alle Features verschwinden. Am besten nur ein einziges Feature. Und den Rest macht das Interface. Invoice Machine ist ein gutes Beispiel. Fast alle Features der anderen viel komplizierteren Systeme sind Teil des Interface. Bei der Invoice Machine sind die Features so eingebaut, dass man sich gar nicht mit dem Feature als Feature auseinandersetzen muss. Man kann da sagen: diese Rechnung stell ich jetzt in Schweizer Franken aus, und dann wähle ich Schweizer Franken, Punkt.
Ein anderes gutes Beispiel ist Twitter es hat ein Feature, das sogar auf auf 140 Zeichen limitiert ist. Wer mehr will, der hat eine ziemlich starke Lernkurve vor sich. Aber wenn das Hauptfeature so gut organisiert ist, dass es so viel Spaß macht, dass man gar nicht denkt ›Oh, jetzt muss ich was lernen um weiterzukommen‹, sondern dass man sich dafür interessiert… – wie für einen Film vielleicht. Ich möchte nicht sagen ›Game‹, weil Game und User Experience im Web nichts miteinander zu tun haben. Beim Game muss man die Nutzung schwierig machen, sonst wird das Game langweilig. Freilich darf man nicht übertreiben, sonst wird das Spiel frustrierend; gute Games finden da genau den sweet spot, wo das Spiel interessant bleibt.

Und das ist ja häufig so ein Missverständnis gerade bei unseren Freunden vom Flash-Design-Department, weil dann denkt man, man müsste mal ein Game machen aus der Navigation. Nein, eben nicht! Games und User Experience, das sind Zwillinge. Wenn man die Games- oder schlimmer noch, die berühmten DVD-Intros als Beispiel nehmen würde wie man eine Website macht, das ist das allerschlimmste. Bei den Games geht es vielmehr darum, dass man die schwierige Auseinandersetzung mit der Maschine so genau timed, dass der User nicht frustriert wird. In meinem Alter ist dieses Limit recht schnell erreicht.

Also Features, je weniger desto besser.«

One Feature bei Webtrendmap.com

Es müssen ja nicht gleich Single-Purpose-Websites sein, die nur ein Feature haben.

Die Information Architects haben nach dem Prinzip des One Feature die Webtrendmap aufgebaut. Für einen Nutzer, der sich einen Account anlegt, konzentriert sich die Webtrendmap auf primär einen Benefit: Er kriegt einen Überblick über alle neuen Links der Leute, denen er bei Twitter folgt.

Aus diesen Informationen wird dann extrahiert, welchen Leuten die Webtrendmap-Nutzer folgen, und welche Links sich wiederholen. So kommt für den nicht eingeloggten Nutzer ein anderer Benefit zustande: Er sieht, welche Links gerade populär sind. Und zwar ausgewählt von Leuten, denen Webtrendmap-Nutzer vertrauen.

Geschichtlich verwurzelt

Das Mantra, sich nur auf ein Feature zu konzentrieren, ist in der IT-Welt nicht neu. Nicht nur Web-Applikationen wie Twitter haben sich der Feature-Einfachheit verschrieben. Bereits in den 1970er Jahren wurden Konzepte für das Unix-Betriebssystem gemacht u.a. mit dem Unix-Pattern: One Feature at a Time. Unix hat damit ein sehr mächtiges Pattern aufgestellt, das es durch die Std.-In Std.-Out »Schnittstellendefinition« erlaubt, Befehle hintereinander zu schalten. Damit kann man mit einem Zeilenbefehle beispielsweise Dateien auslesen, filtern, sortieren, umbenennen und dann die umbenannten Datei-Namen in eine Datei schreiben.

One Feature und APIs

Die Std.-In Std.-Out Schnittstelle hat wiederum Parallelen zu den heutigen offenen Web-APIs, die Dienste wie Twitter erst groß gemacht haben. So können Drittanbieter Applikationen schreiben, an die die Twitter-Leute noch nicht einmal gedacht haben. Die Webtrendmap ist ein gutes Beispiel. Ein Feature wird also die Voraussetzung für eine ganze Landschaft an Applikationen. Und damit ist die Konzentration auf nur ein Feature ungemein förderlich.

Deshalb freut es mich, dass bei der Webtrendmap auch ein Output-Kanal, RSS, bald implementiert wird. Damit hoffe ich, dass auch dieser Dienst andere dazu inspiriert, die Daten weiter zu verarbeiten.

Mich interessiert jetzt:

  • Was denkt ihr über das 1-App-1-Feature-Mantra?
  • Welche Applikationen würde ihr als besonders gute Beispiele dieser Ein-Feature-Idee nennen?

Der nächste Auszug aus dem Gespräch mit Oliver wird sich um das Thema Elemente vs. Spektrum der User Experience drehen.

5 Kommentare

Peter Scheidt vor 6 Jahren

Webtrend Map ist ein gutes Beispiel, dass 1 Feature-Apps auch nicht immer so einfach sind – finde zumindest ich, der ich Twitter & Co. zwar kenne, aber eigentlich nur lesend nutze.

Wenn ich auf der Homepage bin, was sehe ich? Offenbar Quellen und die relative Anzahl der von ihnen geposteten Links. So zumindest interpretiere ich die unterschiedliche Höhe der gestapelten Zeitungen/angedeuteten Hochhäuser/???. Die Links scheinen weiterhin aus verschiedenen Quellen wie Twitter, Websites oder Blogs (bspw. http://webtrendmap.com/wired/) zu stammen.

Was sagt mir das alles? Ich bin noch am rätseln, um ehrlich zu sein.

Über die Häufigkeit und damit die Popularität eines bestimmten Links sagt mir das doch eigentlich nichts. Oder muss ich dafür eingeloggt sein?

Erst wenn ich nach Mouse-Over in dem aufpoppenden Menü »See all links from …« klicke, bekomme ich eine Übersichtsseite (wie eben bspw. http://webtrendmap.com/wired/). Dort sehe ich dann, wo ein bestimmter Link sonst noch steht. Lustig finde ich übrigens, dass (zumindest bei mir) unter jedem Link hinter »Also posted by« noch mal der Autor wiederholt wird, im obigen Beispiel also »wired«.

Vor allem verstehe ich das Vertrauen (»trust«) nicht – wer vertraut hier wem in welcher Sache wieweit? »web of trust« kenne ich von PKI-Infrastrukturen wie OpenPGP, aber bei Link-Trends? Und was ist für mich der Vorteil gegenüber »untrusted« Link-Trends?

Noch was anderes ist mir aufgefallen:

1) nutzbar nur mit Firefox und Safari

2) ohne Javascript nicht benutztbar

Während ich über Punkt 1) beim Aufruf mit dem IE entsprechend informiert werde, fehlt jeder Hinweis, falls Javascript nicht aktiviert ist oder sonstwie nicht funktioniert.

Mein Fazit: Eine Applikation nur auf ein Feature zu reduzieren, macht sie nicht gleich gut oder gar erfolgreich. Vor allem treten in dem Fall alle Mängel an diesem einen Feature in den Vordergrund, da es keine Alternativen gibt, mit denen sich der Nutzer vielleicht auch noch beschäftigen könnte. Um so essentieller finde ich eine von Anfang an funktionierende und optimale Userexperience!

Ich bin nicht einer, der solche Probleme bei neuen Ideen toleriert – entweder die Website funzt oder eben nicht, um es mal salopp auf den Punkt zu bringen :-)

Niels Anhalt uxzentrisch vor 6 Jahren

http://doodle.com/ ist sicherlich ein gutes Beispiel für eine 1-Feature-App: »Einen Termin finden«. Sie haben sich sehr stark darauf konzentriert dieses eine Feature so einfach und so gut wie möglich zu unterstützen. Auf dem letzten UXcamp war ja einer der Doodle-Macher und hat uns erklärt, dass sie gerne Detailerweiterungen im Funktionsumfang ausprobieren und auch einfach wieder rauswerfen, wenn sie meinen, dass sie nicht dem Hauptzweck zuträglich sind. Allerdings gibt es nun auch schon ein zweites Feature auf der Website: »Eine Wahl treffen«. Mal sehen, ob Doodle doch noch der Featuritis verfällt :-).

Tobias Jordans uxzentrisch vor 6 Jahren

Aus aktuellem Anlass noch eine sehr schöne 1-Feature-Site: http://www.nur-wetter.de/in/köln

Marian Steinbach uxzentrisch vor 6 Jahren

Dieser Meta-Klassiker darf auch nicht vergessen werden:
http://isistwitterdowndown.com/

Tamim Swaid uxzentrisch vor 5 Jahren

Als Ansatz ist das klasse, weil so schöne einfache Applikationen bzw. Websites rauskommen. Aber für den Long Run reicht es nicht.Und mit dem Ansatz kann man eben nur eine kleine Palette von Bedürfnissen abdecken.

Diese Seiten: ToDos Listen etc. gibt es zuhauf. Ich muss aber sagen das ich die dann nicht mehr angesteuert habe. Sie werden einfach nicht zum Anlaufpunkt, auf den man zurückgreift.