uxzentrisch erörtert:
Gefühlte Genauigkeit

Gibt es so etwas wie ein UX-Berufsethos? Wenn ja, welchen Stellenwert hat darin Wahrheit? Ist es ein höheres Ziel, eine gute Erfahrung zu ermöglichen, als dem Nutzer in jedem Fall die Wahrheit zu sagen?

Auf diese Fragen bringt mich der Mathematiker John D. Cook mit seinem Blog-Beitrag Accuracy versus perceived accuracy, der wiederum aus dem heute erschienenen Buch The Signal and the Noise von Nate Silver zitiert.

Silver beschreibt in seinem Buch, dass (privatwirtschaftliche) Meteorologen bei der Prognose der Regen-Wahrscheinlichkeit versuchen, einen gut informierten Eindruck zu hinterlassen. Dafür vermeiden sie es, eine Regenwahrscheinlichkeit von 50 Prozent anzugeben, auch wenn die Vorhersagemodelle dies vorgeben. Denn 50 Prozent Regenwahrscheinlichkeit klingt unentschlossen. Stattdessen wird in diesen Fällen häufig 40 Prozent oder 60 Prozent kommuniziert.

Ein anderer Fall, wo oft nachgeholfen wird: Die Meteorologen vermeiden es, niedrige Regenwahrscheinlichkeiten, z.B. von 5 Prozent, zu verkünden. Stattdessen »korrigieren« sie diese Werte gerne auf 20 Prozent. Der Grund: Die Leser/Höher/Zuschauer (die Nutzer) des Wetterberichts mögen es gar nicht, wenn sie aufgrund einer Prognose annehmen, dass es nicht regnet, und ihnen dann unerwarteter Regen den Tag vermasselt. Der umgekehrte »Fehler«, mit Regen zu rechnen und dann doch keinen zu bekommen, wird offensichtlich vom Normalrezipienten nicht übel genommen, sondern eher als Glücksfall eingestuft.

Kennt Ihr solche Fälle aus User-Interfaces, womöglich gar aus Eurer eigenen Arbeit? Wo kommunizieren wir mehr Klarheit, als eigentlich herrscht? Und wo vertuschen wir die Extreme, schwächen ab, beschwichtigen, um es uns mit den Nutzern nicht zu verderben?

5 Kommentare

Patric vor 3 Jahren

Würde das Beispiel mit dem Wetter nicht als Unwahrheit einstufen, eher als cleveres managen der Erwartungen und der Experience.

Was mir spontan noch einfällt:
- Tacho im Auto, zeigt meist 5-10km/h mehr an als tatsächlich gefahren wird. -> Mehr Sicherheit, keinen Strafzettel durch falsche Anzeige der Geschwindigkeit in die andere Richtung

- Anzeige verbleibender Zeit bei »loading-screens« – die Experience ist einfach positiver, wenn es doch schneller geht als die erwarteten 3 Minuten. wenn die Zeit quasi »schneller« vergeht.

Solange man die Experience ins positive wendet, sehe ich kein Problem. Gibt natürlich auch die negative Richtung SMS- Abbo-Falle und so ;)

Marian Steinbach Autor vor 3 Jahren

@Patric: Ich frage mich: Gibt es eine Grenze, die hier und da überschritten wird? Sowas wie »Dark Pattern«?

Das Beispiel mit dem Tacho interessiert mich. Ist das wirklich Absicht? Gibt es dazu Quellen?

Maikel vor 3 Jahren

Mit dem Tacho beim Auto ist es einfach so, daß er laut Vorschrift nie und nimmer zuwenig anzeigen darf.

Deshalb muß er so ausgelegt werden, daß er unter Einbeziehung aller möglichen Ungenauigkeiten immer mindestens die richtige Geschwindigkeit zeigt; solche Ungenauigkeiten sind z.B.
- mechanische Umsetzung in die Position der Anzeigenadel,
- unterschiedliche Reifendimensionen (Durchmesser),
- abgefahrenes Profil, wodurch der Durchmesser kleiner wird,
- auch falscher Luftdruck hat wohl Einfluß auf die je Umdrehung zurückgelegte Strecke.
Der Reifendurchmesser ist dabei entscheidend, weil letztlich nur die Anzahl der Umdrehungen des Rades gemessen wird.

Naja, letztlich ist es den Autofirmen wohl auch nicht ganz unrecht, wenn das Auto scheinbar schneller fährt.:-)

Die Ungenauigkeiten bzgl. des Durchmessers wirken sich übrigens auch auf den Bord-Computer aus, und somit z.B. auf die Berechnung des Durchschnitts-Verbrauchs.

Maikel vor 3 Jahren

»Typisch Mensch«:-) Warum »darf« ein Metereologe nicht angeben, daß seine Vorhersage unsicher ist? Vorhersagen sind nun mal unsicher, insbesondere wenn es ums Wetter geht.

Ein IMHO schönes Beispiel für die Darstellung der Unsicherheit der Vorhersagen sieht man auf
http://www.knmi.nl/waarschuwingen_en_verwachtingen/ensemble.html
einer Seite des niederländischen Wetter-Instituts.

Dort wird nicht eine bestimmte Temperatur vorhergesagt, sondern in einer Grafik der Bereich, in dem die Temperatur mit 50% Wahrscheinlichkeit liegen soll.
An einer großen Spanne kann man erkennen, daß die Entwicklung noch sehr unsicher ist.
Entsprechende Grafiken gibt es dort auch für Wind und Niederschlag.

Vitor vor 3 Jahren

Mit Bezug auf die UX, dass als psychologisches Konstrukt gesehen werden kann, gilt zu sagen: Dass die Perzeption/Kognition
einer systematischen/psychologischen Verzerrung unterliegt.
Diese »Gewichtung« sollte (und wird) beim Design berücksichtigt und »kompensiert« (in Richtung positives Erlebnis). Das Wetter- oder Fortschrittsbalken-Beispiel repräsentieren dieses Vorgehen.

Triviales Negativ-Beispiel:
1. Psych. Effekt: »Der erste Eindruck zählt«
2. Misslungene Verpackung http://youtu.be/32DD4DF7Qpo
3. :-)