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Implicit UX (2) – Warum Interfaces das Implizite berücksichtigen sollten

Für erfolgreiches UI-Design sind implizite Faktoren besonders wichtig. Denn wie Nutzer auf ein Interface reagieren, ist immer schon sehr weitgehend entschieden: Universelle Denk-Prinzipien bestimmen darüber mit, wie wir ein Design wahrnehmen und verarbeiten. Generell wirken diese Prinzipien implizit, Nutzer selber können sie nicht  beeinflussen. Solche impliziten Mechanismen gezielt einzusetzen, wird damit zu einem wichtigen Faktor für den Erfolg und das Nutzererleben jedes Produktes. – Im Folgenden führe ich den ersten Teils des Artikels fort und zeige an zwei weiteren Beispielen, wie Implicit UX funktioniert.

>> Zu Teil 1 des Artikels...

#2: Interferenz-Effekt – Weiterverarbeitung von Reizen

Visuelle Reize werden zunächst auf Basis universeller kognitiver Verarbeitungsprinzipien, wie etwa den Gestaltgesetzen, interpretiert. Über diese elementare Interpretation von Reizen hinaus bestimmen dann weitere psychologische Effekte auch darüber mit, ob das Wahrgenommene zum Beispiel auch erfolgreich und effizient weiterverarbeitet werden kann – oder eben nicht. Ein Beispiel sind Interferenz-Effekte, die auftreten, wenn die Verarbeitung eines Reizes mental mit der Verarbeitung eines anderen Reizes kollidiert.

Das heißt: Gerät die kognitive Verarbeitung verschiedener Designelement miteinander in Konflikt, so erhöht sich der Aufwand der Reizverarbeitung, während gleichzeitig die Verarbeitungsgeschwindigkeit sinkt und ein negatives Gesamterleben entsteht. Für die Interface-Konzeption folgt daraus: Optimiere die Verarbeitungsgeschwindigkeit und das Gesamterleben, indem Du eine möglichst eindeutige Verarbeitung von Designelementen unterstützt.

Abb 02c ebook.de 03
//Abb 02: eBook.de Webshop

eBook.de (bisher libri.de) ist ein frisch gerelaunchter Online-Shop für Bücher und eBooks mit deutlich eigenständigem Design (ebook.de Webshop). Das Blau des Logos bestimmt als einzige CI-Farbe das Layout und wird sowohl für reine Gestaltungselemente, z.B. Rahmen, sowie auch für Funktionselemente, z.B. Linkflächen, verwendet. Damit ist die Farbe Blau zunächst doppelt belegt und kommuniziert gleichzeitig zwei miteinander unvereinbare Eigenschaften (Nicht-Klickbarkeit von Gestaltelementen <> Klickbarkeit von Linkelementen).

Um eine Interferenz in der Bedeutung der Farbe Blau zu vermeiden, werden daher Funktionselemente, wie z.B. Linksflächen, durch eigene, weitere Designelemente wie beispielsweise spezielle Link-Icons eindeutig von reinen Gestaltungselementen unterschieden. Die mögliche Farb-Interferenz wird so aufgehoben und die Verarbeitung des Designs insgesamt verbessert und unterstützt.

#3: Cathedral-Effekt – Interpretation von Reizen

Auf einer höheren kognitiven Verarbeitungsebene sorgt beispielsweise der Cathedral-Effekt dafür, dass bestimmte Gestaltungsmuster jeweils vergleichsweise fest definierte Wirkungen hervorrufen. Demnach veranlasst eine offene Gestaltung Betrachter zu abstraktem und kreativem Denken, während begrenzendes oder fokussierendes Design bei Nutzern die Konzentration auf Details und konkretes Problemlösen anstoßen.

Dem Cathedral-Effekt folgend legen demnach unterschiedliche Designsprachen systematisch unterschiedliche Denkweisen nahe – und je nachdem, welches Verhalten eine Marke über ein Interface anregen möchte, kann die Gestaltung von Beginn an eine Formsprache und Elemente nutzen, die die gewünschte Verarbeitungsweise bei den Besuchern initiieren.

Abb 03a airbnb.de aktuell
Abb 03b airbnb.de alt
//Abb 03: airbnb.de Website (oben: aktuelle Version; unten: ältere Version)

airbnb.de ist ein Portal zur Suche nach privaten Zimmern und Unterkünften weltweit (airbnb.de Website). Je nach Nutzer und Nutzungsszenario spricht das Portal damit ganz unterschiedliche Bedürfnisse an. Denn während zum Beispiel ein Geschäftsreisender ein meist sehr konkretes Such-Anliegen hat – konkretes Reisedatum, konkretes Reiseziel –, ist umgekehrt ein Individual-Urlauber nicht selten vielleicht erst noch auf der Suche nach einer spannenden Destination und offen für Inspiration.

Auf dem Interface lassen sich beide Momente über den Cathedral-Effekt wirkungsvoll inszenieren: So fokussiert die aktuelle Seite das Nutzerinteresse direkt auf die dominante Suchleiste in der Seitenmitte – und positioniert airbnb.de damit eindeutig als Lösung für das Problem „Unterkunfts-Suche“. Eine ältere Startseite zeigt demgegenüber ein weites Panoramabild und lädt User aktiv dazu ein, sich inspirieren zu lassen und neue Gegenden zu entdecken – das Portal erscheint als Ideengeber für spannende (Alternativ-)Urlaube. Möglich sind beide Aussagen: Problemlöser oder Ideengeber. Der Cathedral-Effekt lehrt, welche Designsprache welche Wirkung provoziert.

Fazit: Konzeption und Gestaltung für das Implizite

Die Beispiele hier und im ersten Teil des Artikels zeigen: Professionelle Interfacekonzeption sollte die impliziten Einflussfaktoren auf Wahrnehmung und Denken berücksichtigen. Denn: Mit dem Wissen um solche impliziten Faktoren wird die Wirkung und das Nutzererleben eines Interfaces planbar. Die skizzierten Beispiele  machen dazu auf exemplarische Weise deutlich, dass und wie eine auch auf das Implizite ausgelegte User Experience ein Produkt oder einen Service systematisch verbessern kann.

Über konkrete psychologische Effekte, wie sie hier vorgestellt wurden, hinaus spielen natürlich noch zahlreiche weitere implizite Faktoren eine wichtige Rolle. Um nur einige zu nennen: Affordances, Image Schemata, Ankereffekte, Heuristiken, Fragen der intuitiven Bedienung und viele mehr. Implicit UX ist der Ansatz, um alle diese Faktoren im Produkt und Service Design von Beginn an zu berücksichtigen – und Nutzer genau so anzusprechen, wie sie Interfaces auch faktisch zum Großteil erleben: nämlich indirekt und unbewusst.

Mehr über Implicit UX auf www.implicit-ux.de sowie auf www.53nord.de.

Über den Autor

Dr. Markus Wienen ist User Experience Strategist bei eparo (www.eparo.de). Seine Schwerpunkte sind die User Interface-Konzeption, die Verbindung von User Experience und Marketing sowie eben das Thema Implicit UX (www.implicit-ux.de). Wichtige Fragen und Insights zum Impliziten behandelt Markus immer wieder auch auf 53nord (www.53nord.de).


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