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Implicit UX (1) – Warum Interfaces das Implizite berücksichtigen sollten

Wie Nutzer ein Interface wahrnehmen, wie sie es erleben und wie sie darauf reagieren, liegt kaum in ihrer Hand. Implizite Mechanismen im Gehirn bestimmen, was möglich ist, und wie ein Interface wahrgenommen wird. Was funktioniert (und was nicht), lässt sich in vielen Fällen schon heute voraussagen – und dabei steht die Forschung zum Impliziten erst am Anfang. – Im Folgenden stelle ich Ansatz und Idee von Implicit UX vor und zeige, wie einige ihrer grundlegenden  Mechanismen genutzt werden können, um Interfaces auch implizit optimal auf ihre User auszurichten.

Die Macht des Impliziten – und wie wir ihr begegnen können

90% unserer Hirnaktivität erfolgt vollständig unbewusst – und auch der »kleine« Rest, der als Bewusstsein übrig bleibt, ist keinesfalls selbstbestimmt: Auch all das, was wir bewusst wahrnehmen, denken oder entscheiden resultiert aus „vorbewusster (subliminaler) Informationsverarbeitung“ (Birbaumer/Schmidt 2000).

Führt man sich diese Dimension des Impliziten vor Augen, wird klar: User Experience muss impliziten Einflussfaktoren berücksichtigen – und hat dazu bis heute kein systematisches Angebot. Bislang treiben daher andere Disziplinen den Ball voran und haben so bis heute bereits eine Reihe von Effekte identifiziert, die sich auch für erfolgreiches UX-Design nutzen lassen.

Gestalten für das Implizite heißt Konzipieren

Damit ist klar: Gutes UX-Design ist kein primär kreatives Gestalten (und auch weder eine Geschmacks- noch eine Kreativ„sache“). Sondern gutes UX-Design ist am Ende eine Gestaltung und Konzeptidee, die all die Prinzipien berücksichtigt, denen unsere Wahrnehmung und unser Denken unterworfen sind – und diese sind eben wesentlich implizit.

Jetzt kann man fragen: What’s the news? Die Formel, dass gutes UX-Design nicht nur schön sein darf, sondern auch funktional sein muss, ist schließlich auch schon nicht mehr ganz neu… Gestaltung mit Blick auf das Implizite aber ist mehr als „nur“ funktionales Design. Denn während funktionale Designs vor allem als Ergebnisse von UX-Tests und Interface-Optimierungen entstehen, setzt Implicit UX viel grundsätzlicher an und ist vor allem anderen eine Aufgabe substanzieller Konzeption.

Das Implicit UX Toolkit: Know How-Aufbau durch Forschung und Praxis

Die Forschung zu impliziten UX-Effekten ist in vollem Gang – insbesondere auch was die Analyse und Optimierung interaktiver Prozesse angeht. Praktiker und Forschung bauen das Toolkit impliziter UX-Effekte gemeinsam auf. Methodisch werden dazu psychologische Micro-Phänomene auf der Basis von Nutzer-Beobachtungen verallgemeinert und als Erklärungsmuster für strukturell analoge Effekte interpretiert.

Ziel der Gestaltung für das Implizite ist ein umfassenderes Nutzererlebnis. Ein für die UX-Konzeption wichtiger Nebeneffekt liegt dabei darin, dass die User Experience – und damit der Erfolg – eines Angebots besser planbar wird, wenn Design und Produktidee von Beginn all den Prinzipien genügen, denen unsere Wahrnehmung und unser Denken folgt.

Beispiele

#1: Der Figur-Grund-Effekt – Elementare Reizverarbeitung

Ein erstes Beispiel: Die Basis jeder visuellen Wahrnehmung regulieren die Gesetze der Gestalt – allen voran die Figur-Grund-Relation. Dieses Prinzip besagt, dass ein Stimulus entweder als ein Objekt im Fokus der Betrachtung (= Figur) wahrgenommen wird, oder eben als dessen nicht-fokussierter, diffuser Hintergrund (= Grund).

Universal ist das Prinzip, weil jeder visuelle Reiz jeweils nur einer der beiden Optionen folgen kann – aber wie lässt es sich auf die Interface-Konzeption anwenden? Die Lehre lautet: Optimiere die Zugänglichkeit und Verarbeitung zentralen Interaktions- oder Design-Elemente, indem Du sie als Figuren (= Objekte im Fokus) und nicht Gründe umsetzt!

Abb 01 Immonet iPad-App
//Abb 01: Immonet iPad-App

Die Immonet iPad-App – von Apple ausgezeichnet zur zweitbesten iPad-App des Jahres 2012 – nutzt ein völlig neues Bedienkonzept (Immonet iPad App im App Store). Dazu werden den Nutzern alle wichtigen Funktionen beim ersten Start der App erklärt. Um sicherzustellen, dass die Erklärungen in den Fokus der Betrachtung kommen (und also als Figuren verarbeitet werden), werden die Pfeile durch ein graues Layer von der schon sichtbaren Kartenansicht der App abgesetzt.

Der Effekt: Das Layer sorgt als eigener (Hinter-)Grund dafür, dass die erklärenden Pfeile als Figuren hervortreten und besser verarbeitet werden. Ohne das Hintergrund-Layer wäre dieser Effekt nicht sichergestellt. Dabei ist die Figur-Grund-Relation keine Schwarz-Weiß-Lehre. Sie behauptet zum Beispiel nicht, dass (Hinter-)Gründe nicht wahrgenommen werden oder wirken. Sie hält jedoch fest, dass Gestaltungselemente unterschiedliche Effekte provozieren können – und dass diese Effekte planbar sind.

Zwischenbilanz: Implizite Effekte im User Experience Design

Bereits dieses erste Beispiel zeigt: Wie Nutzer auf ein Interface reagieren, was sie wahrnehmen, wie sie dies tun (und wie sie in der Folge davon weiter vorgehen), wird sehr weitgehend durch universale psychologische Prinzipien bestimmt, über die Nutzer selber nicht aktiv verfügen und die sie nicht beeinflussen können. Weitere Beispiele – im zweiten Teil des Artikels – können das noch weiter verdeutlichen.

Forschung und Praxis treiben die Suche nach solchen Mechanismen gemeinsam voran. Insbesondere für die Analyse interaktiver Prozesse sind hier noch weitreichende Ergebnisse zu erwarten. Unter dem Label »Implicit UX« lassen sich die Ergebnisse aus Sicht der User-Professionals sinnvoll zusammenfassen. Werden Interfaces von Beginn an in line mit den Mechanismen menschlicher Wahrnehmung und Kognition gestaltet, entstehen am Ende nicht nur von Grund auf bessere Interfaces, sondern auch insgesamt bessere Produkte.

>> Zu Teil 2 des Artikels…

Über den Autor

Dr. Markus Wienen ist User Experience Strategist bei eparo (www.eparo.de). Seine Schwerpunkte sind die User Interface-Konzeption, die Verbindung von User Experience und Marketing sowie das Thema Implicit UX (www.implicit-ux.de). Fragen, Cases und Insights zu Implicit UX behandelt Markus immer wieder auch auf 53nord.de (www.53nord.de).


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