uxzentrisch erörtert:
Jesse vs. Knut, zwei Sichten auf Usability und User Experience (Interview)

Mit der wachsenden Verbreitung des Begriffs ›User Experience‹ in Deutschland gehen zwei gegenläufige Entwicklungen einher: Zum Einen verwässert der Begriff, weil mehr und mehr Fachrichtungen ›User Experience‹ für ihre Interessen nutzen. Donald Norman hat dies erst letztes Jahr beklagt in einem vielfach zitierten Interview. Dem gegenüber halten zum anderen aber die Versuche an, ›User Experience‹ zu definieren.

Interessant bei dieser Frage nach einer Definition ist, wie unterschiedlich das Verständnis einzelner Bestandteile von User Experience ist. Zwei sehr unterschiedliche Sichtweisen über die Usability und ihre Rolle in der User Experience konnten wir auf dem ersten User Experience Barcamp in Berlin im Mai einfangen.

Sicht 1 von Jesse James Garret: Usability aus der Effizienz-Brille

Die erste Sicht kommt von Jesse James Garret, den wir von uxzentrisch für das UX Camp interviewt haben. Er spricht ab Minute 4 von Usability als Methode um mit Effizienz und Genaugikeit Aufgaben schnell und mit wenigen Fehler zu vollenden. Ihr gegenüber stellt Jesse James die User Experience, die aus einem breiteren Blickwinkel mehr Faktoren mit in die Betrachtung nimmt.

Sicht 2 von Knut Polkehn: Usability = Nutzer, Kontext und Ziel betrachtet

Knut Polkehn (Artop) hält mit seiner Antwort im Vortrag »Was ist eigentlich Usability?« dagegen: Zuerst einmal gehört für ihn zu Usability auch der Kontext der Aufgabe. Damit nimmt er der Effizienz-Kritik wie sie Jesse James anbringt den Wind aus den Segeln (vgl. Wikipedia-Thema im Interview). Getrennt von dieser Begriffsdefintion betrachtet er den Prozess, mit dem gute Usability zu erreichen sei: Das Usability Engineering (vgl. Prozessdarstellung in der Zusammenfassung).

Knuts guter Vortrag war für uns Grund genug, ihn für uxzentrisch genauer zu diesem Thema zu befragen:

Das Zusammenspiel (von User Experience und Usability) ist viel diskutiert und wir haben in den letzten Jahren eher das Problem, Usability noch zu verteidigen weil einige Leute sagen, eigentlich ist ja alles User Experience, Customer Experience und Experience Experience…

Usability ist aber ein Teil davon. Denn User Experience ist erstmal eine Nutzungserfahrung – positiv oder negativ. Usability trägt damit zu einer guten User Experience bei, ist aber nur ein Faktor unter mehreren.

(Das Video direkt bei Vimeo)

Zusammenfassung des Videos:

Was ist Usability? – Knut erleutert, das passendste Synonym für Usability sei nicht Benutzerfreundlichkeit oder Benutzbarkeit, sondern Gebrauchstauglichkeit. Gebrauchstauglichkeit drückt aus, dass Usability ein Qualitätsmerkmal ist von interaktiven Systemen, so dass bestimmte Nutzer in bestimmten Anwendungskontexten ihre Aufgabe effizient, effektiv und zufriedenstellend erledigen können. Diese Definition ist auch in einer Norm festgehalten.

Die Usability (Gebrauchstauglichkeit) beschreibt das Ausmaß in dem ein Produkt
(A) durch bestimmte Benutzer und
(B) in einem bestimmten Nutzungskontext genutzt werden kann,
um bestimmte Ziele (1.) effektiv, (2.) effizient und (3.) zufriedenstellend zu erreichen.

(Usability nach DIN EN ISO9241-11 aus dem Vortrag beim UX Camp 2009)

Wichtig sei, dass die drei Kriterien immer im Kontext betrachtet werden. Somit sei das Beispiel zur Abgrenzung von Usability vs. UX aus der Wikipedia, das wir auch bereits hier bei uxzentrisch diskutiert haben, unglücklich gewählt: Wenn das Ziel im Spiel ist, Spaß zu haben, muss dieses optimal erreicht werden. Das heißt nicht, dass man den Spaß nimmt, nur damit die Aufgabe so schnell wie möglich erfüllt werden kann.

Knuts Beispiel einer Museumswebsite: Unterschiedliche Szenarien/Aufgaben erfordern unterschiedliche Lösungen. Einmal das Erlebnis in die Museumswelt einzutauchen. Ein anderes Mal das Erlebnis schnell die relevanten Fakten für die eigene Recherche zu finden.

Warum sind Dokumente wie der Usability Leitfaden (PDF) so „unansprechend“? – Usability ist eine verhältnismäßig alte Disziplin, die sich seit den 80iger Jahren weiterentwickelt. Ihre Wurzeln und auch die Wurzeln dieses Leitfadens liegen im Ingeneursbereich und erst langsam prägen Menschen aus anderen Disziplinen die Szene und entwickeln diese Felder der Ästhetik und Präsentation weiter.

Diese Veränderung sieht man auch in den Seminaren, die Knut für Artop hält: Neben dem klassischen Berufsfeld der Psychologen sind im 4. Jahrgang eine gute Mischung aus Designern, Informatikern und Projektleitern vertreten.

Wie steht ein Usability-Engineering-Prozess zu einem UX-Prozess?

Zusammenspiel der Rollen und Ergebnisse im Usability-Engineering-Prozess

Exkurs aus Knuts Vortrag: Die Grafik aus dem Leitfaden Usability (PDF, 2.8.3) zeigt ein »Beispiel für Zusammenspiel der Rollen und Ergebnisse im Usability-Engineering-Prozess«. Der Usability-Engineer sichert darin als Querschnittsrolle die Qualität des Gesamtprozesses zu dem sowohl die Anforderungsanalyse, das User Interface Design/Interaktionsdesign und die Usability-Prüfung steht.

Die Themen für einen UX-Prozess und einen Usability-Prozess sind laut Knut sehr ähnlich. Wichtig sei, dass Prozesse im Unternehemen definiert werden, die eine gute Usability erreichen und eine gute User Experience. Da die User Experience mehr Themenfelder umfasst, geht es dort noch stärker darum, die nötigen Ansprechpartner einzubinden. Es muss eine Person geben, die diese Schnittstellenrolle wahrnimmt und sich um den gesamten Prozess kümmert. Ob diese Person später User Experience Engineer oder Usability-Engineer heißt, ist Knut egal. Wichtig ist am Ende, dass es eine Person gibt, die den Prozess begleitet, damit die Gewerke Research, Design, Entwicklung, … optimal zusammenarbeiten. Entscheidend sei, dass der Prozess gelebt wird. Und hier steckt laut Knut auch noch die größte Herausforderung.

Sicht 3: Fazit

Vielen Dank, Knut Polkehn, für den Vortrag und das Interview! Und auch an Jesse James Garrett!

Beide Betrachtungen finde ich sehr richtig und spannend – auch wenn sie anfänglich widersprüchlich wirken mögen.

Jesse James argumentiert seine Sichtweise aus einer rein praktischen Sicht. Er beschreibt die Usability-Welt, die Effizienz und Testgetrieben ist – und in den meisten Fällen ist das auch die Rolle, die Usability-Agenturen hatten und auch noch haben.

Gleichzeitig glaube ich, dass er den Usability-Begriff bewusst überspitzt definiert, um eine bessere Abgrenzbarkeit zur User Experience zu erreichen. Und auch wenn es aus fachlicher Sicht nicht ganz richtig ist, ein Beispiel wie das von Knut zitierte aus der Wikipedia zu Spielen ist einfach wunderbar, um eine künstliche Grenze zwischen UX und Usability zu ziehen und einfach zu vermitteln.

Knuts Definition von Usability ist ebenfalls sehr gut und schlüssig. Jedoch glaube ich, dass sie eher eine Zielformulierung ist, als dass  sie eine Beschreibung des aktuellen Marktes darstellt.

An dieser Stelle könnte man leicht in eine lange Diskussion über Rollenbezeichnung reingeraten und darüber philosophieren, ob der User Experience Designer oder der Usability-Engineer den Hut aufhaben sollte bei der Gestaltung des Nutzererlebnisses.

Doch auch hier stimme ich mit Knut überein: Am wichtigsten ist es, dass es Menschen gibt, die Prozesse in Unternehmen etablieren und begleiten, die für ein gutes Nutzererlebnis sorgen. – Auch wenn ich persönlich natürlich denke, dass die Rolle des User Experience Designers dafür prädestiniert ist :-).

7 Kommentare

Stefan Rubino Insinga vor 6 Jahren

Danke für den guten Beitrag.

»Usability ist aber [nur] ein Teil davon« – Eine der wichtigesten Aussagen meines Erachtens.

Lennart Hennigs vor 6 Jahren

Hi Tobias. Danke für den Beitrag. Zu deinen Punkten habe ich ein paar Anmerkungen:

Zum einen glaube ich, dass man die Aussagen von Knut und Garett auf die europäische bzw. auf die angelsächsische Sicht auf Usability reduzieren kann (was beiden natürlich nicht 100% gerecht wird).
In Europa kommt Usability aus dem Ergonomie- und Normungsbereich und die ISOs 9241 und 13407 sind eher in Europa denn in USA bekannt. Liest man Nielsens erstes Buch »Usability Engineering« genau, fällt auf, dass er u.a. Heuristiken – allgemeine Kriterien – zum (schnellen) Testen empfiehlt. In seinem »Prozess« hat damals der Nutzungskontext und dessen Betrachtung noch keine Rolle spielt. Den hat er erst später dazugemogelt. Mit seinen Heuristiken kann man also (als des Teufels Advokat) ein UI bauen, was einfach zu bedienen ist, aber an dem Nutzungskontext und damit an dem Problem des Nutzers komplett vorbeigeht.
Das ist wie einen Hammer bekommen, wenn man ein Werkzeug für das Anbringen einer Schraube haben möchte.

Und damit komme ich zu meinem anderen Punkt. Ich glaube nicht, dass die Usability wie sie in der 9241 definiert ist, eine Zielbeschreibung ist.
Die Definition ist common sense. Als Beispiel sei das Buch »Contextual Design« genannt, welches sich ausschließlich mit der Kontextanalyse befasst. Eine Beschreibung des aktuellen (deutschen?) Marktes? Vielleicht – zumindest wenn Du meinst, dass die meisten Firmen die Usability in ihrem Namen führen meist nur Usability-Tests verkaufen… Tests sind einfach zu verkaufen, einfach durchzuführen und finden in einem abgesteckten Rahmen statt. Man bekommt was, testet was, schreibt nen Bericht.
Aber User Centered Design-Beratung ist schon länger im Kommen und auch gefragt. Daher bezieht sich die Definition von Garett eher auf Usability Testing bezieht, denn auf Usability als Disziplin.

Und zu UX vs. Usability. In einen der frühen Definitionen, der UX honeycomb von Morville, ist Usability nur eins von sieben Elementen der User Experience.

Und natürlich hat bei so einer Diskussion immer die Rolle den Hut auf, die am nächsten an der eigenen Jobbeschreibung ist. Deswegen finde ich, dass die Rolle des Interaction Designers nicht zu unterschätzen ist…
;-)

ChangeLog: Der Honeycomp-Link war leer. Ich vermute, du meintest die oben eingefügte URL? -Tobias, 16.7.09, 11:45

Marcel Zimmermann vor 6 Jahren

Ich finde die inhaltliche Nähe zu amerikanischer Literatur in der ISOs 9241-10 eigentlich sehr stark. In der Quellenangabe wird ja auf Ben Shneidermans, »Designing the User Interface« verwiesen. Für mich erschienen die sieben Grundsätze schon als eine Variante der 8 goldenen Regeln – oder?.

Hinderlich finde ich aber dennoch das Information über Standards (in den ISOs) für den Anfänger schlicht zu teuer und zu schwer zugänglich ist. Die Inhalte und das Rahmenwerk sind im Kern m.E. richtig…

Tobias Jordans Autor vor 6 Jahren

Hallo Lennart, vielen Dank für den interessanten Kommentar!
Was den Honeycomp betrifft: Dass Usability dort nur ein Teil von vielen ist die die UX bilden, ist IMO genau das, was durch den Usability Leitfaden bzw. durch die oben genannte Definition von Usability in Frage gestellt wird (siehe die drei Kreise (JPG), die dem Honeycomp vorwegstehen).

Tobias Jordans Autor vor 6 Jahren

Update: Es wir offensichtlich seit einer Weile an einer ISO Norm für User Experience gearbeitet. In diesem Artikel http://www.usabilitynews.com/news/article4636.asp beschreibt Tom Stewart, Chair of the sub-committee of the International Standards Organisation (ISO), warum der Name UX statt Usability zukünftig verwendet wird.
Eine sehr gute Ergänzung zu dieser Diskussion.

Andreas Bossard vor 5 Jahren

Hallo Tobias

Danke für den Blog post. Es ist interessant die Begriffs-Defintionen von Jesse James Garret und Knut Polkehn gegeneinandergestellt zu sehen.

»Doch auch hier stimme ich mit Knut überein: Am wichtigsten ist es, dass es Menschen gibt, die Prozesse in Unternehmen etablieren und begleiten, die für ein gutes Nutzererlebnis sorgen.«

Da stimme ich absolut zu. Wichtig ist nicht der Jobtitel, sondern dass das Nutzererlebnis verbessert wird.
In der Praxis ist es auch meist so, dass es einen Jobtitel gibt, aber man nicht genau weiss was sich dahinter verbirgt.

-Was macht der Interaction Designer?
-Was macht der Usability Consultant?
-Was macht der Information Architect?
-Was macht der User Experience Designer?

Es wäre schön, wenn diese Begriffe eindeutiger definiert wären (inklusive: Was für Fähigkeiten muss man für die Jobs mitbringen?)
Ist ja aber auch in anderen Branchen so. z.B. Was macht der Business Analyst genau?

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