uxzentrisch erörtert:
Macht und Verantwortung der visuellen Überzeugungskraft

»Hier fehlt noch so eine Zweipixellinie … und dieses Element sollte eher wie eingestanzt aussehen … an dieser Stelle stimmen die Proportionen nicht …«

… – so, oder so ähnlich hat fast jeder Gestalter, Konzepter und Entwickler schon Gespräche erleben dürfen. Wir diskutieren über Details, vertiefen uns in visuelle Sprachwelten – deren Bedeutungen sicherlich kontrovers diskutabel sind – während der Enthusiasmus für Funktionalitäten, Nutzerbedürfnisse und mentale Modelle auf der Strecke bleibt. Aber warum stellt uns die visuelle Überzeugungskraft eher zufrieden, als der Blick auf eine abstrakte, aber gute Idee? Und, sofern sich diese Annahme bewahrheitet, warum liegt in ihr zugleich eine Gefahr?

Physische Attraktivität

Physische Attraktivität und die Zuordnung von Attributen

Welcher Peson ordnen Sie positivere Attribute zu? (Quelle: complex.com)

Ja, wir lassen uns leicht von Visuellem beeindrucken. Warum sonst schauen wir attraktiven Menschen hinterher? Aber dieses Phänomen geht noch eine Ebene tiefer. Menschen, die wir als attraktiv bezeichnen, finden wir nicht nur interessanter, sondern sprechen ihnen tendenziell auch positivere Charaktereigenschaften zu. Unter dem Titel »Physische Attraktivität« untersuchte man an der Uni Bielefeld den Zusammenhang verschiedener Studien zu diesem Thema. Ergebnis war ein nachweisbarer Bezug zwischen wahrgenommener Attraktivität, zugesprochenen Werten und dem Wunsch sich mit diesen Personen zu umgeben.

Überträgt man diesen psychologischen Effekt auf Produkte, verwundert es kaum, dass ästhetische Gestaltung als eigenständiger Wert akzeptiert wird. Wir mögen es schöne Personen und Dinge in unserer Nähe zu haben, da wir sie mit positiven Attributen in Verbindung bringen. Und wenn wir schicke Sachen mit uns herumtragen, färben deren Außenwirkung natürlich auf uns ab – logisch, denn »Kleider machen Leute«.

Kurz gesagt: Was gut aussieht, muss auch gut sein und macht uns selbst ein Stückchen besser.

Antizipation und Abfärbung

Hier enthalten sind zwei wesentliche Eigenschaften des Designs:

Auf der einen Seite initiiert der visuelle Eindruck eines Produkts einen antizipatorischen Effekt. Ich, als Betrachter, entwickle in meiner Vorstellung ein subjektives Abbild des Produkts indem sich meine Impressionen mit Erfahrungen und Hoffnungen abgleichen. Dieses Wahrnehmungskonstrukt festigt sich schließlich in Form von Erwartungen an das Produkt selbst. Vereinfacht formuliert bewerte ich die Eigenschaften des Produkts aufgrund formalästhetischer Aspekte bevor ich eigene Erfahrungen sammeln konnte.

Andererseits besitzen Produkte einen abfärbenden Effekt. Die Entscheidung ein Produkt, das bestimmte Eigenschaften verkörpert, zu nutzen, ist gleichermaßen eine Aussage über das Produkt – nämlich ein Zugeständnis dieser Eigenschaften – wie über die Person selbst – nämlich ein Zugeständnis diese Eigenschaften verkörpern zu wollen. Der importierte Porsche, welcher aus ökonomischer und ökologischer Sicht eine schlechte Kaufentscheidung darstellt, spielt sich dennoch als Statussymbol für Stärke, Schnelligkeit, Kraft und Überlegenheit gegenüber vielen anderen Fahrzeugen in den Vordergrund.

Diese Effekte sprechen uns als Betrachter, potenzieller Käufer und Nutzer auf emotionaler Ebene an. Emotionen erheben dabei nicht den Anspruch rational definierbar zu sein. Emotionen existieren im Jetzt und haben komplexe Ursachen, welche aber subjektiv betrachtet fernab von logischen Sachverhalten existieren können, was am Beispiel des Porsche-Fahrers deutlich wird.

Macht und Verantwortung

Akzeptieren wir einmal das Gesagte als gegeben. Die daraus resultierenden Gefahren lassen sich nun in verschiedenen Kontexten betrachten.

These: Design kommuniziert Versprechungen, die während der Nutzung eingelöst werden.

Diese These bezieht sich auf die antizipatorischen Effekte des Designs und betrachtet das Produkt im Kontext der werbenden Präsentation. Werbung erzeugt nicht nur Aufmerksamkeit und Interesse, sondern auch Erwartungshaltungen. Liegen Erwartung und erste Erfahrungen zu weit auseinander, sind wir von dem Produkt enttäuscht. Den gleichen Effekt gibt es auch abseits der Werbung. Ein Fahrzeug, das wie ein Sportwagen aussieht, lässt erwarten, dass es auch schnell fährt. Erfüllt das Fahrzeug diese Eigenschaft nicht, sind wir enttäuscht.

These: Design-Entwürfe lösen keine Probleme, dessen Ursprung inhaltlicher Natur sind.

Hier sprechen wir über Design-Entwürfe als Kommunikationsmittel im Entwicklungsprozess von Produkten oder Services, wobei die Gefahr darin bestehen würde Design als Tool zur Lösung von Problemen zu verwenden, für welches es nicht geeignet ist. Folgeprobleme die entstehen können sind der ineffiziente Einsatz oder Verlust von Ressourcen wie Zeit und weiterführend ein stagnierender Entwicklungsprozess des Produkts.

These: Design kann die Bewertung eines zukünftigen Produkts positiv beeinflussen.

Wir betrachten die Design-Produkt-Beziehung an dieser Stelle nicht im Kontext der Werbung, sondern im Kontext der Produktentwicklung. Dennoch fließt auch hier der antizipatorische Effekt des Designs mit ein, der dafür sorgen kann, dass wir den Entwurfsstand positiver bewerten, als er ist. Wir sprechen von der »Gefahr des guten Entwurfs«, welche uns mitunter dazu verleitet strategische Entscheidungen zu fällen, die nachhaltige Erfolgsfaktoren ignorieren oder vernachlässigen. Der Entwurf überzeugt den Betrachter auf rein visueller Ebene so stark, dass die An- oder Abwesenheit von Funktionen nicht hinterfragt werden.

Egal welche dieser Thesen man sich präziser anschauen möchte, sie zeigen alle die Themen Macht und Verantwortung im Design. Eine visuell-ansprechende Darstellung einer Problematik oder Sachlage kann gleichermaßen Fluch und Segen sein, je nachdem ob die Inhalte effektiv kommuniziert werden oder nicht bzw. welche Aussagen sich beim Betrachter festigen. Versteht man Design als noch junge Sprache oder Kommunikationsform werden zwei Dinge deutlich:

  1. Die Interpretation und Bewertung von Design muss wie eine Fremdsprache erlernt werden. Das fällt besonders bei einer Sprache schwierig, die bislang wenig Standards bietet und sich zudem in ständigem, rapidem Wandel befindet.
  2. Der Gebrauch von Design wird erst durch Inhalte wertvoll. Das bedeutet wiederum der Herausarbeitung von Inhalten muss besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden.

Abstrakte und konkrete Kommunikation

Gefahren im Design-Prozess

Welche Präsenationsform ist verständlicher? (Quelle: We Are Democracy)

Aber warum fällt es uns leichter über konkrete Designs zu sprechen, als über abstrakte Wireframes? Um es auf den Punkt zu bringen: Sie lassen weniger Fragen offen.

Je konkreter eine Fragestellung ist, desto einfacher können wir sie beantworten und je weniger Interpretationspielraum vorhanden ist, desto leichter fällt es uns die Bewertung oder Kritik. Die Frage »Hast du am Donnerstag um 16h eine Stunde Zeit für ein Brainstorming bzgl. Kunde Müller?« lässt sich präziser und einfacher beantworten als »Hast du nächste Woche Zeit?« – »Wann genau? Wofür? Wielange?«.

Design-Entwürfe regen uns viel eher zu Gesprächen und Kritiken an, weil sie konkreter sind, präziser und dadurch bewertbarer. Um Wireframes, Skizzen oder Konzepttexte beurteilen zu können bedarf es dagegen nicht nur einem hohen Abstraktionsvermögen, sondern auch Erfahrung und Vorstellungsvermögen um etwaige Konsequenzen für das Produkt abzusehen. Um es anders zu formulieren: Die Art und Weise wie wir über ein Projekt sprechen wird weniger komplex. Wir sprechen, statt über Kommunikation zu sprechen oder gar über Meta-Kommunikation zu sprechen.

Der Unterschied der Präsentationsformen liegt also in der Abstraktionsform und hat somit direkte Auswirkungen auf die Verständlichkeit einer Information.

Offene Punkte

Fraglich bleibt im jeden Fall inwiefern Projektbeteiligte ausreichend geschult sind oder sein müssen, um die Sprache »Design« oder noch abstraktere Fremdsprachen wie »Wireframes« verstehen, bewerten und evtl. auch noch zielgerichtet nutzen zu können. Sind es Designstudiengänge, welche die entsprechenden Schnittstellenkenntnisse vermitteln können oder muss diese Spezialisierung innerhalb der Unternehmen und Dienstleister gefördert werden? Inwieweit kann davon ausgegangen werden Design als erlernbare, standardisierte Sprache zu lehren und lernen? Und kann Design überhaupt als Sprache verstanden werden oder ist es doch nur ein formalästhetischer Aspekt eines Produkts?

 

Über den Autor

David Querg ist Kommunikationsdesigner mit dem Schwerpunkt User Experience und nutzerzentrischer Gestaltung. Aktuell untersucht er im Studiengang Kommunikations- und Produktdesign M.A. an der FH Aachen die Chancen und Grenzen von Smart TVs und ist als Freelancer im Bereich Konzeption und Interaktionsdesign tätig sowie Autor auf Sieben und Achtzig.