uxzentrisch erörtert:
Warum die neugierige Kultur San Franciscos weltweit Innovation anzieht

Dies ist der 1. Teil meines 2. teiligen Artikels zum Thema: UX Design in San Francisco. Der erste Teil dreht sich um meine Erlebnisse in der Stadt, die für mich exemplarisch für die offene und neugierige Kultur der Stadt stehen.

»Hi, do you do startups?« So empfing mich Rob von einem der etlichen Hackerhomes in San Francisco, dem Mekka der Techwelt, in das ich für 10 Tage gereist war. Eigentlich wollte ich dieses Jahr zum SXSW in Texas / Austin fliegen. Als ich dann eine Reisekostenkalkulation gemacht hatte, war mir der Trip zum SXSW mit geschätzen 2500 EUR doch zu teuer. »Aber mit meinem Budget kann ich etwas anderes machen« dachte ich mir. z.B. einen Trip nach San Francisco organisieren und mir die UX Szene dort mal anschauen. San Francisco bot sich als Erkundungsort an, da die ganze Techwelt dort versammelt ist. Ich wollte Menschen aus der Techszene treffen, um herauszufinden wie UX Designer dort arbeiten, wie sie in Unternehmen positioniert sind und inwiefern sich das Skillset von den UX Designern hier unterscheidet. Damit die Gespräche vor Ort einen Rahmen bekommen, nahm ich mir vor einen Artikel zu schreiben. Der damalige Arbeitstitel: »The status of UX in San Franciscos companies – Is San Francisco leading the way to how UX should be seen in the world?«

Auf nach San Francisco bzw. in die Bay Area

Für die Reise fing ich 5 Wochen vorher mit der Planung an. Ich began damit mein Netzwerk anzupingen. Mein Ziel war es in den 10 Tagen so viele Gespräche wie möglich zu führen. Um ein möglichst breites Meinungsspektrum auszukundschaften, war es mir wichtig die Gespräche nicht nur auf UX Designer zu reduzieren. Den Kommunikationsaufwand, den ich mit meinen Pings losgetreten habe, hatte ich unterschätzt.

Insgesamt waren es dann 81 Kontakte bzw. Kommunikationsthreads auf allen möglichen Kanälen. Die Anstrengungen haben sich schlussendlich aber gelohnt. In den 10 Tagen vor Ort hatte ich 21 persönliche Termine und war auf insgesamt fünf Events. Es waren viele gute Gespräche und vor allem aber auch viele kleine Alltagserlebnisse, aus denen ich gelernt habe. Meine Erkentnisse fasse ich in folgendem Satz zusammen: »Diamanten werden in Antwerpen geschliffen und Ideen in San Francisco.« Die Produkte von Morgen sind in den Köpfen der Menschen von heute. Und viele der Menschen, die einen großen Impakt auf die Tech Welt haben, sind in der Bay Area und loten dort das Potential ihre Ideen aus, indem sie ihre Ideen einfach umsetzen. Und sie kommen deshalb dort hin, weil in der Gegend neue Ideen neugierig und vorurteilsfrei ausprobiert werden und weil die Macher respektiert und hofiert werden.

Wirklich neu ist das Gesagte womöglich nicht. Aber es ist ein großer Unterschied wenn man es selbst erlebt.

Die offene und tolerante Stadt

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Ich habe mich durchweg immer gefragt: »Warum haben sich die Tech Unternehmen dort angesiedelt und nicht woanders? Warum starten viele neue StartUps dort?« Manche sagen: »Weil dort das Risiko Kapital vorhanden ist« oder »Weil dort die ersten Tech Unternehmen waren« oder »Weil dort Universitäten wie Stanford und Berkley sind«. Ich persönlich glaube aber vielmehr der Grund ist die Offenheit und die gelebte Toleranz der Gegend. Die damaligen Gründer und Erfinder waren »Spinner«. »Spinner«, die davon träumten dass ein PC auf jeden Schreibtisch gehört, »Spinner« die sich schon früh das Internet erträumten. »Spinner« die glaubten dass Computer eine Bereicherung für jeden Menschen sind. Und dieser Fleck der Erde sagte den Spinnern: »Willkommen. Macht was aus euren Ideen und vor allem aber, zeigt sie uns.«

Ich glaube dass man den Spirit einer Stadt im Alltag und den kleinen Dingen festmachen kann. Der Spirit war dort bevor die Tech Industrie kam und hat grundsätzlich auch erstmal gar nichts mit Tech Industrie zu tun.

An einem Morgen saß ich in einem Kaffee und bestellte mir meinen obligatorischen Espresso. Dort fing ich dann ein Gespräch mit Toni an, für den es ein Ritual war jeden Tag morgens am Fenster des Kaffees zu sitzen, seinen Kaffe zu trinken um dann zur Arbeit zu gehen. Nach 5 Minuten waren Toni und ich »Best friends« und er hatte mir seine Lebensgeschichte erzählt. Dann kam ein Obdachloser am Schaufenster des Kaffes vorbei und bot Toni etwas zum Kaufen an. Es war eine Plastikmaske.

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Toni lehnte mehrmals dankend ab und sagte »Nicht heute, vielleicht morgen«. Dann sagte er zu mir: »Manchmal kaufe ich etwas. Einfach aus Neugier. Oft ist viel Unnützes dabei. Aber manchmal kann ich es gebrauchen.« Erst später fiel mir auf wie gewöhnlich solch ein Ereignis für San Francisco ist. Obdachlose suchen nach Dingen, die sie verkaufen können und bieten sie dann irgendjemandem an. Ungewöhnlich ist meines Erachtens gar nicht das die Obdachlosen versuchen etwas zu verkaufen, sondern dass andere bereit sind diese Dinge zu kaufen. Der Obdachlose wird in dem Moment zum Händler und nicht zum Bittsteller und der Käufer ist so neugierig, dass er bereit ist beim Kauf dieser scheinbar nutzlosen Sache Geld zu investieren, in der Hoffnung dass er es vielleicht doch verwenden kann. Wenn die Menschen in San Francisco nicht bereit wären diese Dinge zu kaufen, würden die Obdachlosen diese auch nicht zum Kauf anbieten.

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Bild: flickr.com/photos/agentakit/4870186948

Wie im Alltag nach »Schätzen« gesucht wird, fiel mir erst später auf als ich vor einem Ticketautomaten Stand und versuchte mein U-Bahn-Ticket aufzuladen. Ein Obdachloser sah meine »Hilflosigkeit« und bot mir seine Hilfe an. Erst lehnte ich dankend ab, weil ich schon wusste dass nach seiner Hilfe die Frage nach dem Dollar kommen würde. Als ich es beim zweiten Anlauf aber auch nicht schaffte zeigte er mir freundlich wie man den Automaten bedient. Dann kam wie erwartet die Frage »Do you have a dollar?«. Ich meinte »That wasn’t the deal we made when you offered me your help«. In diesem Moment sah er meine Einkaufsmarke in meinem offenen Portemonaie. Ein Werbegeschenk vom Roten Kreuz. Eine glänzende Münze mit einem knallroten Kreuz in der Mitte. Dann sagte er »Wooow, that’s beautiful. What is that?« Ich erklärte ihm was es ist. Dann fragte er nett »Can I have this.« Jetzt bejahte ich seine Bitte, da mir die Frage nach der Einkaufsmünze sehr viel sympatischer war als die nach dem Dollar. Seine Augen glänzten als ob er einen Schatz gefunden hatte. Sicher ist nicht jeder Obdachlose auf der Suche nach Schätzen und sicher kauft nicht jeder Passant den Obdachlosen etwas ab, aber es sind genug als dass dies ein relativ normales Verhalten in San Francisco ist.

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Die Zahl der Obdachlosen wird in San Francisco auf 7000 – 10000 geschätzt. Ich hatte bei meinem Besuch den Eindruck dass ich vorher noch nie so viele Obdachlose in einer Stadt gesehen habe, obowhl ich schon in Städten war, die weitaus ärmer sind als San Francisco. In anderen Städten wird vermutlich sehr viel stärker versucht die Obdachlosen aus den Augen der Menschen unter die Brücken und in die Seitenstraßen zu vertreiben. In San Francisco gibt es wohl viele Programme, die den Obdachlosen helfen. Eine Stadt ist aber immer auch nur die Summe seiner Einwohner und in San Francisco werden die Obdachlosen von den Einwohnern akzeptiert und manchmal und sogar verteidigt. An einem Mittag war ich in Chinatown unterwegs um ein paar Geschenke zu kaufen. Während ich auf meinem iPhone nach dem Weg schaute rempelte ich unabsichtlich einen Obdachlosen an. Dieser war sehr gereizt als er meinen Rempler lautstark mit einem »Hey, watch where you’re going!« oder etwas ähnlichem kommentierte. Ich wollte sagen »I did not intend to rempel you an«. Ja genau, das war was in meinem Kopf vorging. Was bedeutet Rempeln auf Englisch? Weil ich das in dem Moment nicht wusste kam nur ein »I did not…« heraus. Er fasste es auf als ob ich meinen Rempler abstritt und wurde noch lauter. Wenn mich jemand anschreit lasse ich mir das in der Regel nicht bieten. Deshalb wurde ich nun lauter als er und schrie dass es keine Absicht war. Dann drehte er sich verwirrt um murmelte etwas und ging. Während dieser »Konversation« stand eine Dame neben mir an der Ampel. Als der Obdachlose ging sagte Sie »That was a bit overreacting. We in San Francisco are not like this«. Erst dachte ich sie meinte ihn und seine Lautstärke. Erst später verstand ich dass Sie mich und meine Reaktion ihm gegenüber meinte. Sie erwartete von mir dass ich in der Situation gegenüber einem Obdachlosen nicht überreagiere. Dieses »We in San Francisco are not like this« spricht Bände. »Solch ein Verhalten gehört nicht zu der Kultur unserer Stadt.« Später tat es mir leid dass ich so überreagiert hatte.

Der einheimische Toni, den ich beim Kaffee getroffen hatte, verhielt sich in einer ähnlichen Situation sehr viel gelassener. Als wir am selbigen morgen im Kaffee saßen, kam ein Obdachloser auf einem Rollstuhl hereingerollt. Er saß so schief drin, dass er beinahe von seinem Stuhl fiel. Toni sagte ihm »Be carefull, you’re going to fall« Die Sorge von Toni erwiderte der Obdachlose gereizt und sehr laut mit »Hey, I’m not going to fall of. Leave me alone«. Toni sagte dann »Sorry, I just don’t want you to fall of your chair« woraufhin der Obdachlose wieder lautstark erwiederte dass ihm schon nichts passiert. Toni ging mit dieser lauten Reaktion sehr viel relaxter um als ich.

Kultur ist Millieübergreifend

Ich bin kein Soziologe und vielleicht lehne ich mich mit dieser Behauptung zu weit aus dem Fenster aber ich glaube, dass diese kleinen Alltagserlebnisse die Grundeinstellung der Menschen dort wiederspiegeln. Diese offene, hilfsbereite, solidarische, risikofreudige und neugierige Grundeinstellung für andere Menschen und ihren Kram sind entscheidend dafür, dass Innovationen in diesem Teil der Erde angstfrei ausprobiert werden. Vielleicht mag der ein oder andere die von mir geschlagene Brücke von meinen Alltagsgeschichten zur Techwelt als »Unsinn« abtun, aber ich glaube daran. Diese Gier nach Neuem zieht sich durch die gesamte Kultur der Stadt und Gegend. Ich habe z.B. noch nie so viele Elektrofahrzeuge gesehen, wie in San Francisco.

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Aus den Spinnern von damals sind inwzischen erfolgreiche Tech Unternehmer geworden, die nun anderen »Spinnern« dabei helfen ihre Ideen und Visionen umzusetzen. Die Situation ist derzeit so, dass alle großen Unternehmen, wie z.B. Mercedes, die irgendetwas mit Tech zu tun haben, ihre Innovationslabs dort eröffnen. Diese Sogwirkung für Innovation geht so weit dass z.B. der chinesiche Inkubator InnoSpring, der seinen Sitz im Silicon Valley hat, Unternehmen beherbegt, die Produkte entwickeln, die teils nur den chinesischen Markt bedienen.

Es bleibt spannend zu beobachten, was in den kommenden Jahren dieser Sog der Tech Unternehmen, der Menschen aus der ganzen Welt mit ihren Ideen, Visionen und Fähigkeiten anzieht, mit der Stadt anstellen wird. Das Thema Design bzw. UX Design wird dort jedenfalls derzeit heiß gehandelt. Warum das so ist, will ich im zweiten Teil meines Artikels beleuchten.

1 Kommentar

Mona vor 6 Monaten

Hallo Tamim,
danke für die interessanten Insights. Ich finde die Stadt und die verschiedenen Designansichten vor Ort extrem spannend und bin gespannt auf deinen zweiten Beitrag. Wann kann man denn mit Part II rechnen?