uxzentrisch erörtert:
Sehen und gesehen werden. UX-Design für unsere Wahrnehmung (1)

Wir betrachten die Wolken und erkennen einen Hasen, der über den Himmel jagt. Wir sehen zwischen drei Frauen, die in einer großen Gruppe Menschen sind, eine Verbindung, weil sie ein rotes Kleid tragen. Wir bilden Gruppen aus Dingen, die nahe beieinander sind. Wir erkennen spielend, welches Element nicht in eine Reihe passt.

Warum das so ist, liegt an der spezifischen Funktionsweise unserer Wahrnehmung: Durch Ordnen, Strukturieren, Kategorisieren bändigen wir das sonst unbeherrschbare Chaos der Sinneseindrücke. “Finding Patterns is the essence how we make sense of the world”, formuliert es der Computerwissenschaftler und Wahrnehmungspsychologe Colin Ware auf fast schon poetische Weise. (Colin Ware: Visual Thinking: for Design, 2008)

Neurowissenschaftliche Erkenntnisse über Wahrnehmungs- und Entscheidungsprozesse für das Marketing nutzbar zu machen, versucht seit einem guten Jahrzehnt das Neuromarketing; im UX Design findet das Thema unter dem Begriff „Implicit UX“ eine gewisse Aufmerksamkeit. Denn wer die Mechanismen der Wahrnehmung – zumindest in Ansätzen – kennt, kann UX- und Design-Entscheidungen bewusster treffen und begründen. Und damit das Nutzerverhalten unterstützen und lenken.

Der Wahrnehmungsprozess

Während die Gestaltpsychologie schon Ende des 19. Jahrhunderts die menschliche Fähigkeit zum Erkennen von Strukturen und Mustern aus psychologischer Perspektive beschrieb, liefern die modernen Neurowissenschaften und die kognitive Psychologie heute noch detailliertere Einsichten in den Prozess des Sehens und Wahrnehmens. Nach diesen Modellen beruht die Wahrnehmung auf zwei gegenläufigen, sich ergänzenden – oder auch störenden – Prozessen: der Bottom-up- und der Top-down-Verarbeitung.

Bottom-up – vom Merkmal zum Objekt

Da der Mensch nur in einem sehr kleinen Radius scharf sieht, muss das Auge die Umwelt über viele schnelle Augenbewegungen erfassen. Auf Basis der Informationen, die der Sehnerv ans Gehirn weiterleitet, formuliert dieses dann neue „Abfragen“ und lenkt so den Fokus über die Augenbewegung auf weitere Informationspunkte.

Dabei werden zunächst einfache Merkmale der betrachteten Elemente wie Größe, Ausrichtung, Farbe, Bewegung, Kontur, Schärfe/Unschärfe usw. identifiziert. Alle weiteren Schritte der Wahrnehmung basieren auf der anfänglichen Einteilung der wahrgenommenen Welt in Merkmale.

muster

Aus diesen Merkmalen wiederum liest das Gehirn auf der nächsten Verarbeitungsstufe Strukturen und Muster aus. Zum Beispiel werden Elemente der gleichen Farbe oder Ausrichtung als zusammengehörig wahrgenommen. Das passiert automatisch: Denn der visuelle Wahrnehmungsapparat des Menschen ist eine unglaublich leistungsfähige Mustererkennungsmaschine.

Schließlich werden aus den Mustern Objekte, d.h. bedeutungstragende Elemente konstruiert, etwa der Buchstabe B oder ein Stuhl. Der Bottom-up-Prozess arbeitet also „von unten nach oben“: Aus einzelnen Elementen und Merkmalen wird das Gesamtbild zusammengesetzt.

Top-down – vom inneren Bild zum wahrgenommenen

Bereits im zuletzt beschriebenen Schritt ist die gegenläufige Top-Down-Verarbeitung wirksam. Dabei werden die konstruierten Objekte mit vorhandenen Schemata und kognitiven Konzepten abgeglichen – gespeist aus unserem Vorwissen und unserer Erfahrung. Ohne eine Idee davon zu haben, was ein „Stuhl“ ist, werde ich in den wahrgenommenen Einzelmerkmalen – die je nach Stuhl sehr unterschiedlich sein können – keinen Stuhl erkennen können.

Was wir sehen, wird aber auch beeinflusst durch unsere Motivationen, Wünsche und Ziele. Wer dringend auf der Suche nach einem Stuhl ist, dem kann es passieren, dass er in einem Objekt einen Stuhl sieht, das gar keiner ist. Die Top-down-Bewegung kann so stark sein, dass sie die Reizwahrnehmung des Bottom-up-Prozesses überschreibt und die Wahrnehmung extrem selektiv wird. Ein Beispiel für diese so genannte Unaufmerksamkeitsblindheit ist das berühmte Gorilla-Experiment.

Sehen ist ein also ein aktiver Vorgang, der sich über zahlreiche Schleifen und Rückkopplungen im Zusammenspiel von Bottom-up- und Top-down-Prozessen vollzieht. Ob wir einen Hasen oder einen Drachen in den Wolken sehen, hängt zum Beispiel davon ab, in welcher Stimmung wir uns befinden, was wir vorher gesehen haben oder was uns interessanter erscheint. Die Wolke ist immer dieselbe.

Die wichtigsten Erkenntnisse für Design/UX

Mustererkennung unterstützen

Die Mustererkennungsmaschinerie unseres Gehirns läuft unbewusst und räumt quasi ständig die einströmenden Umwelteindrücke auf. Gutes Design erleichtert diese „Aufräumarbeit“, indem es die Erkennung von visuellen Mustern, also den Bottom-up-Prozess der Wahrnehmung, unterstützt.

Das geschieht durch die Übersetzung von Informationsstrukturen in Muster: Hervorhebungen, Hierarchien von Elementen, Zusammenhänge, funktionale Unterschiede werden über klare Differenzierungen in den Basis-Merkmalen und die räumlichen Bezüge einzelner Elemente erzielt. Zum Beispiel über einen gut wahrnehmbaren Größenunterschied zwischen Headline und Fließtext. Durch Mut zu Weißraum. Oder durch die konsistente Gestaltung von Links oder Buttons gleicher Funktion. Im Idealfall hat der Nutzer ein klares „Bild“ von einer Website, noch bevor er sich mit den Inhalten beschäftigt.

windowsseite-ausschnitt

Ausschnitt, windows.microsoft.com

Was für die Mikroebene von grafischen Elementen gilt, lässt sich auch auf die komplexere Stufe von funktionalen Modulen und interaktiven Prozessen übertragen. Die meisten Nutzer erwarten das Suchfeld rechts oben, suchen oben bzw. links nach der Navigation oder haben eine feste Vorstellung davon, wie ein mehrschrittiger Warenkorb-Prozess aussieht.

infografik-warenkorb-torsten-hubert

Ausschnitt, Infografik „Der perfekte Warenkorb“ von Torsten Hubert (Download unter: http://kKrft.ly/zwG)

Viele Design- und Interaktionsmuster haben inzwischen einen hohen Grad an Standardisierung erreicht. Erwartungskonformes Design gibt den Nutzern Sicherheit und macht die Bedienung einfacher und schneller. (Natürlich ist es auch langweiliger, keine Frage.)

Der Unterschied zu den grafischen Basis-Elementen ist allerdings, dass es sich bei Interaction Pattern um gelernte Muster handelt. Es spielen also auch Vorwissen und Erwartungshaltung des Betrachters eine Rolle – und diese sind individuell verschieden.

Was lässt sich noch aus der Betrachtung des Wahrnehmungsprozesses ableiten? Teil 2 widmet sich der Frage, welche Elemente eines Musters besonders interessant sind …

 

Über die Autorin

Sabine Büttner ist als freiberufliche Konzepterin im Raum Köln tätig. Ihre Schwerpunkte liegen im Bereich Interface-Konzeption von Websites und Intranets.

1 Kommentar

Iwona Markuszewska uxzentrisch vor 1 Jahren

Schön!