uxzentrisch erörtert:
Verstehst du meine Kaffeemühle? Ein Usability-Quiz.

Wie nicht nur Leser von Donald-Norman-Büchern erfahren müssen, können selbst scheinbar einfache Designprobleme uns Designer wie auch Nutzer immer wieder vor überraschende Probleme stellen. Und was dem Designer eines Artefakts als völlig klar erscheint, muss dem Nutzer noch längst nicht einleuchten (siehe dazu Tappers and Listeners & The Curse of Knowledge).

Ich habe eine Kaffeemühle, die grundsätzlich eine recht einfache Funktion erfüllt: Kaffee mahlen. Zwei Dinge kann ich einstellen: die Menge, die pro Druck auf einen Taster gemahlen wird, und den Mahlgrad.

Das Foto zeigt das Einstellrad für den Mahlgrad. Auf dem Einstellrad befinden sich Zahlen von 1 bis 17. Die aktuelle Einstellung ist in etwa bei 8, die Zahlen 1 bis 7 sind auf der linken Seite des Rades, die von 9 bis 17 auf der rechten. Nun meine Frage:

In welche Richtung muss man das Rad drehen, um feineren Kaffee zu bekommen?

Nein, das ist kein Gewinnspiel. Ich frage mich nur, ob die Designer meiner Kaffeemühle mit ihrem Design Klarheit geschaffen haben. Auflösung folgt.

Update von Montag, 27. September 2010

Ihr habt gesprochen. Insgesamt wurden 52 Stimmen abgegeben. So habt ihr abgestimmt:

  • Nach links (im Uhrzeigersinn): 25 Stimmen (48 %)
  • Nach rechts (gegen den Uhrzeigersinn): 27 Stimmen: (52 %)

Klarheit sieht anders aus, würde ich sagen. Vom Ergebnis der Abstimmung ausgehend hätte man gar keine Piktogramme und Nummerierung gebraucht und hätte vermutlich ein ähnliches Ergebnis zu erzielen.

Tatsächlich verhält es sich so: wer will, dass der Kaffee feiner gemahlen wird, muss das Rad nach rechts drehen. Dann erscheinen auf dem Rad die niedrigeren Zahlen.

Aber wie hätte man es besser machen können?

17 Kommentare

TTC vor 5 Jahren

Nuja, ich würde ja sagen, dass wenn eine höhere Zahl gewählt wird der Kaffee feiner wird. Höhere Zahl = vielmehr kleine, feine Kaffeestückchen.

Holger Joest vor 5 Jahren

Sieht bisher nach einem knappen Unentschieden aus. :-)

Das ist übrigens ein prima Beispiel für den Unterschied zwischen einer aktiven und einer passiven Transformation. Von Terence Tao gibt es einen sehr ausführlichen Buzz-Post zu diesem Thema: http://goo.gl/4mwt

Wer für Nach rechts abgestimmt hat, hält das Drehen am Rad für eine passive Transformation, Nach links entspricht einer aktiven Transformation.

Interessanterweise geben auch die Zahlen keinen Hinweis, weil sie, je nach Interpretation, proportional zur Partikelanzahl (groß = fein) oder aber proportional zum Partikeldurchmesser (groß = grob) sein könnten.

Marian Steinbach Autor vor 5 Jahren

Holger, vielen Dank für den Kommentar und den Link zu diesem brillianten Beitrag von Terence Tao.

Ich warte jetzt erst mal ab, wie die weitere Abstimmung verläuft.

Marian Steinbach Autor vor 5 Jahren

Hier fehlt leider ein Kommentar, den ich versehentlich »endgültig gelöscht« habe, anstatt ihn wie beabsichtigt als »kein spam« zu deklarieren.

Bitte, lieber Kommentator, der du uns etwas über deinen Scheibenwischer-Schalter erzählen wolltest. Schick uns deinen Kommentar noch einmal und ich gelobe größere Sorgfalt. Vielen Dank!

Katti vor 5 Jahren

Ich würde das Rad aus Sinngründen in Richtung der Beschreibung des gewählten Mahlgrads drehen ;)

Marian Steinbach Autor vor 5 Jahren

So, die Ergebnisse der Umfrage liegen vor. Der Beitrag ist aktualisiert.

Alex vor 5 Jahren

Ok also nur auf Grund der Zahlen hätte ich keine Ahnung gehabt. Aber mit etwas Denkarbeit kann man von den Icons (rechts feines Pulver, links grobes Pulver) doch eigentlich auf die Drehrichtung schließen.
Mein Verbesserungsvorschlag Text statt Icons oder eine Kombination von beidem nutzen :)

Roberto Rizzi vor 5 Jahren

Bevor ich das Kommentar von Alex gelesen habe wollte ich schon fragen ob keinem die zwei Icons aufgefallen sind?!
Finde es aber von der Drehrichtung absolut richtig…

Die frage ist doch aber eigentlich brauche ich dafür wirklich 17 Stufen und machen diese so einen großen Unterschied?

Diese Frage kann uns nur der Marian beantworten…
Wie schmeckt der Kaffe bei Stufe 10 und wie bei Stufe 11?

Marian Steinbach Autor vor 5 Jahren

@Roberto: Ich habe Stufe 10 und 11 noch nicht geschmacklich verglichen.

Wirklich erstaunlich ist doch, dass einigen – mir zum Beispiel – es als völlig klar erschien, dass man das Rad in Richtung des Symbols mit den FEINEREN Punkten drehen muss, wenn man FEINEREN Kaffee möchte.

Aber ich bin nicht der einzige, der diese Kaffeemühle bedient. Und die andere Nutzerin hat es eben erst mal auf dem anderen Weg probiert. Daher kam ich überhaupt erst auf die Idee, dazu einen uxzentrisch-Beitrag zu machen.

Nachdem ich nun die Ergebnisse der Abstimmung gesehen habe, denke ich, dass es zwei gleichberechtigte Interpretationen gibt. In etwa wie bei einem Vexierbild.

Die eine lautet in etwa so: Wenn ich feineren Kaffee will, fasse ich das Rad in der Mitte und bewege es nach rechts in die Richtung des Symbols, das den feineren Mahlgrad beschreibt. Dass dabei auf dem Rad KLEINERE Zahlen erscheinen, ignoriere ich entweder, oder ich verstehe es als passend zu den KLEINEREN Kaffee-Partikeln.

Die andere lautet vermutlich ungefähr so: Wenn ich feineren Kaffee will, fasse ich das Rad rechts an, wo der gewünschte FEINERE Mahlgrad auf Symbolen zu sehen ist und drehe es zu mir, um diesen feineren Mahlgrad zu bekommen. Die GRÖSSEREN Zahlen, die dabei erscheinen, passen gut zu der damit verbundenen stärkeren Mahl-Leistung.

Meine Vermutung ist, dass das Ganze ohne die Zahlen viel eindeutiger wäre. Aber die Zahlen haben eine Art Memo-Funktion. So können verschiedene Kaffeefreunde im Haushalt sich jeweils ihren Kaffee im individuell gewünschten Mahlgrad mahlen (Nein, das machen wir nicht…). Und man kann an den Zahlen ungefähr ablesen, an welcher Stelle der Skala man sich befindet. Dass man dabei ausgerechnet 17 Stufen (Primzahl!) gewählt hat, ist natürlich absurd.

Jedenfalls finde ich es großartig, wie komplex eine scheinbar so einfache Angelegenheit werden kann, wenn man genau hinsieht. Und wie wenig selbstverständlich die eigene Interpretation sein muss, auch wenn man sie für die einzig annehmbare hält.

Martin Gude uxzentrisch vor 5 Jahren

Bei Fehlbedienungen von Hauhaltsgeräten fällt mir immer wieder mein Herd ein. Ich frag mich gerade, wie häufig die falsche Herdplatte versehentlich angegangen ist. Da brauch man auch nur mal ins »Design for everyday things« gucken.

Tamim Swaid vor 5 Jahren

z.B. mit Text arbeiten: Grob und Fein. Gerne auch auf Englisch.

Auch auf dem Rad. Sehr Grob, Grober, Grob, Normal, Fein, Feiner, Am Feinsten.

Marian Steinbach Autor vor 4 Jahren

An die Unterscheidung »aktive vs. passive Transformation« (siehe Holger) muss ich nun immer denken, wenn ich versuche, in Mac OS mittels Multitouch-Geste oder mit dem Scrollrad meiner alten Maus zu scrollen.

Bisher verhält sich Mac OS X ja beim Scrollrad genau wie Windows. Rolle ich das Rad nach oben, dann scrolle ich zum Anfang der Seite. Entsprechend hat Apple die Multitouch-Geste zum Scrollen auf dem Touchpad so angelegt, dass das Wischen mit zwei Fingern nach oben ein Scrollen zum Seitenanfang bedeutet.

Daraus ergibt sich die Analogie, dass man ein bewegliches Guckloch über ein feststehendes Dokument etc. bewegt.

Auf Touch-Geräten wie iPhone und iPad ist das genau umgekehrt. Hier bedeutet eine swipe-Geste, dass man den Content anfasst und ihn innerhalb eines unbeweglichen Rahmens verschiebt.

Und weil das Apple zu uneinheilich erschien, haben sie sich nun entschieden, das ab der nächsten Mac OS Version (Lion) zu vereinheitlichen. Scrollen am MacBook mittels Multi-Touch verhält sich dann so, wie man es von den iOS-Geräten kennt.

Wer jetzt schon ausprobieren möchte, wie sich eine solche Umstellung anfühlt, dem sei das Gratis-Tool »Scroll Reverser« ans Herz gelegt.

Abgesehen davon, dass die Umstellung von etwas gewohntem wirklich grausam ist, frage ich mich, ob das wirklich die richtige Entscheidung war. Wenn ich mit den Fingern auf dem Touchpad arbeite, ist das eben doch bei weitem nicht so direkt, wie wenn ich auf dem iPhone (oder Android-Gerät) Listen oder Webseiten scrolle. Dort zeige ich mit dem Finger genau auf den Inhalt und dieser »klebt« exakt an meiner Fingerspitze. Beim Scrollen am MacBook ist zeige ich nicht direkt auf den Inhalt, sondern auf eine davon entfernte Fläche. Und die Distanz, die ich mit den Fingern zurücklege, wird keineswegs exakt auf die Scroll-Entfernung gemappt.

Was gar nicht geht, ist die Tatsache, dass sich nun auch das Scrollrad umgekehrt verhält. Drehen des Rads nach oben bedeutet, dass ich abwärts scrolle. Diese Übersetzung lässt sich auch mit iOS nicht erklären. Ich bin gespannt, ob das in Lion wirklich so gemeint ist, oder ob Scroll Reverser es sich hier ein bisschen zu einfach macht.

Tobias Jordans uxzentrisch vor 4 Jahren

@Marian: Ich habe Scroll Reverser jetzt 2-3 Tage aktiv und scrolle immer noch mehr falsch als richtig. Ich glaube, man kann sich an beide Varianten komplett gewöhnen… die Umstellung ist nur sehr aufwändig und konzentrationsraubend…

Marian Steinbach Autor vor 4 Jahren

Bei mir geht es inzwischen schon etwas leichter von der Hand :)

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