uxzentrisch erörtert:
Schöne Weihnachten dank Gurke [Video]

Es ist zwar noch etwas früh, aber ich schließe mich hiermit dem allgemeinen Trend an, Weihnachtsthemen schon völlig verfrüht zu platzieren. Wer also schon an Lebkuchen knabbert, bekommt jetzt auch passende Lesekost.

Vor kurzem bin ich auf einen sehr hübschen Weihnachtsbrauch in Amerika gestoßen worden: Die Weihnachtsgurke (engl. Christmas Pickle). Die Weihnachtsgurke wird üblicherweise gut versteckt in einen genauso üblich üppig dekorierten Weihnachtsbaum gehängt. Doch nicht nur als erfrischende Dekorationsalternative zu Kugeln und Lametta, sondern mit einer ganz bestimmten Absicht. Wenn die Kinder morgens (wir sind ja in den USA) zum Weihnachtsbaum gelassen werden, dann sind sie aufgefordert, die Weihnachtsgurke im Baum zu entdecken.

Christmas Pickle - Weihnachtsgurke

Der Anreiz zuerst auf die Suche nach der Gurke zu gehen, ist effektiv egal wie verlockend die Geschenke unterm Baum sein mögen. Wer als erstes die Weihnachtsgurke findet erhält ein zusätzliches Geschenk und soll dem Brauch nach besonders viel Glück im neuen Jahr haben. Bei anderen Familien ist es schlicht ein erfreuliches Spiel, das den Geschenkereigen ohne weitere Belohnung einleitet. Wie die Gurkensuche ausschaut hat diese Familie freundlicherweise auf Video festgehalten:

Weihnachten als gemeinsames Erlebnis

Dieser Brauch aus den USA (der angeblich aus Deutschland kommt, nur dass ihn hier irgendwie keiner kennt), ist ein wunderschönes Beispiel, wie Verhalten gelenkt werden kann und das auch noch so, dass alle gerne mitmachen. Aus dem erwarteten Erlebnis »Gleich gibt’s Geschenke« wird ein gemeinsames Erlebnis und Wetteifern: »Wer wird die Gurke finden«. Im Video ist gut zu sehen, wie die Geschenke völlig nebensächlich sind, während gemeinsam (auf Fairness bedacht, es ist ja Weihnachten) die Gurke gesucht wird. Wahrscheinlich würde das Ganze sogar ohne weitere materielle Belohnung funktionieren – einfach weil es Vergnügen bereitet die Weihnachtsgurke zu suchen.

Wenn ich nun die Suche nach der Weihnachtsgurke mit dem weit verbreiteten Brauch Kinder zum Singen, Aufsagen von Gedichten oder weihnachtlichem Blockflötenfoltern zu verurteilen bevor sie ihre Geschenke endlich öffnen dürfen, so ist mir die Weihnachtsgurke doch deutlich sympathischer. Und der Effekt, erst ein gemeinsames Erlebnis zu haben, den hat man auch so. Millionen von Blockflöten und Gehörgängen werden es danken. Für schönere Erlebnisse unter dem Weihnachtsbaum!

Design for Behaviour Change

Die Weihnachtsgurke ist ein erfolgreiches Beispiel für Verhaltensänderung. Die User Experience des Weihnachtsfests bzw. der Geschenkgabe verändert sich völlig. Anstatt eine Leistung abzufordern (Gedicht aufsagen), wird mit einem spielerischen Wettbewerb ein gemeinsames Erlebnis ermöglicht, das sehr viel mehr mit den tradionellen Werten um Weihnachten herum korrespondiert, als die Geschenkeschlacht. Aus UX-Sicht wird hier also ein Feature bzw. Element zum Prozess beigefügt, der das übergeordnete strategische Ziel »selige Weihnacht im Kreis der Familie« sehr gut unterstützt – und das in einer Form, bei der alle nicht nur freiwillig sondern auch noch gerne durch den Prozessschritt gehen.

In diesem Sinne: Frohe UX! (In anderthalb Monaten)

Das verwendete Bild steht unter einer Creative Commons by-nc-nd 2.0. Quelle: http://www.flickr.com/photos/jamieanderson/5281445485

1 Kommentar

Marian Steinbach uxzentrisch vor 4 Jahren

Von Verhaltensänderung zu sprechen, wenn die Kinder das wahrscheinlich eher als Tradition kennen und es bereits nach zwei oder drei gefeierten Weihnachstfesten erwarten, finde ich etwas weit ausgeholt.